Regula Stämpfli / Mittwoch, 1. Mai 2013
Es geht um Krippen, Schulen, Krankenhäuser, öffentliche Feste, Strassenkultur und Altersheime. Es geht um Orte und Zeiten in welchen Menschen sich treffen und nicht dickgefressenen oder abgehungerten Konsumzombies ausweichen müssen. Es geht um ein Strassen- und Berufsbild, in welchem nicht die Anzugträger weiblichen und männlichen Geschlechts dominieren und uns wie Sprechpuppen à la Sheryl Sandberg irgendwas von Selfempowerment erzählen.
Es geht um ein Fest am 1. Mai, das allen Menschen klar macht, wer die Welt belebt: Menschen, Tiere, Pflanzen und Blumen und nicht Systeme, Statistiken, Bruttoszialprodukte, Mehrwerte, Boni, Ratings, Umfrageerkenntnisse, Likes und Hits.
An diesem 1. Mai werden wir wieder bunte Menschen auf öffentlichen Plätzen sehen, hören und sogar die Medien werden - ausnahmsweise - diesen farbenfrohen Menschen einige Minuten Aufmerksamkeit schenken. Für einen Tag werden die eintönig-eintötigen Anzugträger mal ihre Klappen halten müssen. Ausser das öffentlich-rechtliche Fernsehen befragt einen Manager, was er denn von den Forderungen «der Gewerkschaften» (dabei sind das Menschen) halte. Und ja klar: Die Moderatorinnen und Modera-Toren (mir ist diese Schreibweise erst jetzt aufgefallen), ja eigentlich die Themen-Mörder-Toren werden selbstverständlich im vorgeschriebenen Einheitslook à l'americaine die Beträge einleiten. Dennoch: Schauen Sie hin. Der 1. Mai ist immer bunt - selbst wenn es regnet. Und ist er mal nicht mehr bunt, sondern schwarz ist wie der Block, dann gleicht er eben seinen Gegnern - und baut während einem Tag ähnlichen Mist wie die Anzugträger die restlichen 364 Tage es ungestraft tun dürfen.
Ab 2. Mai gilt dann wieder: Anzugträger - überall, wo das Auge hinschaut, wo die Befehle herkommen, wo wir arbeiten, wo wir sogenannte Bildung kriegen, wo wir uns bewegen. Selbst die sozialdemokratische Fraktion im Europäischen Parlament trägt seit Jahrzehnten.Anzüge.
Überall wimmelt es von Anzugsträger, die ihre Anzüge übrigens in Textilfabriken herstellen lassen, in welchen die Menschen elendlich arbeiten und noch elendlicher sterben. Anzugträger, die ihren politischen Einfluss dahingegen benutzen, um diese Elendsbedingungen auch bei uns in der Schweiz und in der EU einzuführen. Anzugträger, die stakkatomässig nur so reden: «Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft, Technologie, Nachhaltigkeit» - ha, lasst uns doch mal laut lachen!
Kleider machen Leute. Mittlerweile sind Kleider eigentliche Politik. In einer Welt voller Lookism entscheiden nicht Menschen, sondern Anzüge. Die feministische Bewegung FEMEN muss das instinktiv spüren, ansonsten würden sie nicht mit der obszönen Inszenierung des nackten weiblichen Körpers aufzeigen, was wahr und was falsch ist. Kleidervorschriften gehörten in der frühen Neuzeit zur Stabilisierung von Herrschaft und Macht - kein Wunder hiessen die Revolutionäre «Sans-Culottes». Dass ein Turnschuh noch keinen guten Politiker ausmacht, wissen wir seit Joschka Fischer. Doch dessen Tausch von Turnschuh zum Massanzug fiel ziemlich exakt mit seiner Anbiederung an die Automobil- und Pharmaindustrie zusammen.
Der Kulturphilosoph Roland Barthes meinte zwar, dass die reine Ausübung der Symbole die Wirklichkeit nicht mehr tangiere und somit die Wirklichkeit erst wieder sichtbar mache, doch ich bin diesbezüglich ganz anderer Meinung. Mittlerweile regieren die Symbole die Wirklichkeit so stark, dass wir es je länger je mehr an vielen Entscheidungsstellen mit Stepford's Wives in männlicher und weiblicher Ausführung zu tun haben und alle, ohne Ausnahme, tragen Anzüge oder den sogenannten Freitagslook, der auch schon wieder Uniform ist.
Der heutige 1. Mai bietet die Chance, nicht nur mehr Lohn, mehr Ferien, Integration mit Menschlichkeit und anständige Lebensbedingungen zu fordern, sondern mal grundsätzlich alles anders zu sehen und zu denken. Das kann vielleicht damit beginnen, diesen us-amerikanischen Businesslook als das zu entlarven, was auch die Burka schon längst ist: Sichtbares Unterdrückungsinstrument religiös und ideologisch verblendeter Gesellschaften.