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Kolumne


Dikao auf der Titanic

Peter Achten / Montag, 6. Mai 2013

Millionen von Gymnasisasten und Gymnastiastinnen in ganz China arbeiten sich im Mai der Ziellinie entgegen. Es ist nicht etwa der dem Abitur oder der Matura ähnliche Mittelschul-Abschluss, der sie umtreibt. Vielmehr sind die letzten Vorbereitungen für das Gaokao, das Universitäts-Eintrittsexamen, pflichtbewusst zu erledigen. Die Eltern lassen sich das Gaokao etwas kosten. Seit Jahren. Die ganz Reichen schicken ihre Sprösslinge in teure Privatschulen oder gleich ins Ausland an Mittelschulen in Amerika, Australien oder Europa. Aber auch weniger Begüterte verhelfen ihren Söhnen und Töchtern zu Nachilfestunden hier, Geschenkchen an den Lehrer dort. Für die Prüfung anfangs Juni selbst sind zudem im näheren und weiteren Umkreis der Prüfungslokale alle Hotels ausgebucht. Zu erhöhten Preisen, versteht sich, schliesslich ist China eine «sozialistische Marktwirtschaft». Die Prüflinge müssen ausgeruht am Examen erscheinen. Der Verkehr rund um die Examens-Lokalitäten wird von der Stadtverwaltung des Lärms wegen still gelegt. Wenn dann endlich die Prüfung steigt, ist jeder auf sich selbst gestellt. Schummeln haben die Experten der chinesischen Einheitsprüfung längst wirksam unterbunden. Dass das Handy hinterlegt werden muss, versteht sich von selbst. Und Spickzettel im Ärmel sind schon deshalb nicht möglich, weil es anfangs Juni sommerlich heiss ist und Hemden mit kurzen Ärmeln de rigeur sind.

Beim grossen Examen Gaokao stehen im Lande die Räder still. Die ganze Nation fiebert mit. Heute ist die Erfolgsrate relativ hoch. Die Hälfte besteht. Noch vor kurzem war das noch ganz anders. Zunächst jeder achte, jeder sechste, dann jeder vierte, schliesslich jeder dritte war erfolgreich. In der Zwischenzeit gibt es mehr Studienplätze. Gleichzeitig ist auch die Qualität der Hochschulen markant verbessert worden. Gaokao steht in einer langen Tradition. Bereits vor über zweitausend Jahren wurden die extrem schwierigen Beamtenprüfungen eingeführt. Für Chinesinnen und Chinesen ist deshalb Gaokao etwas ziemlich Normales.

Weniger «normal» ist eine neue Prüfung, die zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Dikao nämlich, und zwar in Peking. Dass Interesse meinerseits ergibt sich daraus, dass ich, wie in dieser Kolumnen-Reihe bereits erwähnt, als Werkstudent in verschiedenen europäischen Städten Taxi gefahren bin, und in London eine extrem schwere Prüfung ? The Knowledge ? ablegen musste. Im Zuge einer Reihe von Taxireformen wurde nun in Peking Dikao, die Taxifahrer-Prüfung eingeführt. Und die hat es in sich. Zwei Tage lang wird abgefragt in detaillierten Ortskenntnissen, dem schnellsten und direktesten Weg zwischen A und B unter Berücksichtigung der Verkehrsstaus, Verkehrsrecht und last but not least in Marxismus-Leninismus-Mao-Dsedong-Denken. Mein Lieblings-Taxifahrer, Xiao Liu, hat die Prüfung bestanden und behauptet jetzt von sich, jeden Winkel Pekings innerhalb der 5. Ringstrasse zu kennen. Mag sein. Der kleine Liu sagt aber auch, dass er sich lieber auf seine stets aktualisierte GPS-Karte verlässt.

Pekings Stadtbehörden begründen die Einführung von Dikao mit einleuchtenden Argumenten. Pressesprecher Zhang Xueran: «Es wird nicht mehr wie bis anhin vorkommen, dass man in einem Taxi sitzt und nach einer halben Stunde der Fahrer erklärt, er wisse nicht, wo der Tiananmen-Platz sei.» Der tiefere Grund jedoch liegt in einer umfassenden Reform des Pekinger Taxi-Gewerbes. Ein Taxi zu kriegen wird nämlich immer schwieriger. Die Zahl der Taxis wird deshalb leicht erhöht, und die Anforderungen an die Chauffeure - siehe Dikao - werden enorm gesteigert.

Auch der Fahrpreis wird moderat angehoben, nämlich von einer Flat-Rate von 10 Yuan (umgerechnet 1.80 CHF) bei Einsteigen auf 15 Yuan. Taxis bekommen auf den städtischen Schnellstrassen zusammen mit den städtischen Bussen besondere Verkehrsstreifen zugeordnet. Nach der neuen Verordnung dürfen Taxifahrer nicht mehr aus dem Fenster spucken, Fluchen ist verboten und Kleidung und Frisur müssen angemessen sein - was immer das heissen mag. Sie müssen anhalten, wenn das Licht auf dem Autodach eingeschaltet ist. Sie müssen mit dem Taxameter fahren und dürfen nicht mehr Preise aushandeln, und schliesslich müssen sie die Alten bevorzugt behandeln. Aber auch Passagiere haben Pflichten. Dazu gehört unter anderem eine neue eingeführte Gebühr, die vor allem Alkoholisierte betreffen wird. Sie heisst deutsch und deutlich übersetzt «Kotzgebühr» und beläuft sich auf 50 Yuan (rund neun Franken).

Pressesprecher Zhang Xueran bringt das Ziel der Pekinger Taxireformen plastisch so auf den Punkt: «Ein Taxi mitten in der Rush hour zu bekommen, sollte nicht mehr dem Kampf der Titanic-Passagiere um einen Platz im letzten Rettungsboot gleichen». Den Kritikern der neuesten Taxireformen entgegnet Zhang, Veränderungen seien am Anfang immer hart. «Aber mit der Zeit», so Zhang überzeugt, «werden die Reformen das Pekinger Taxifahren revolutionieren». Mag sein. Wie so oft aber in Asien heisst die Devise jetzt: Taxi abwarten und Grüntee trinken.


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