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Kolumne


Der «Chinesische Traum»

Peter Achten / Montag, 13. Mai 2013

Kaum war er vor einem halben Jahr vom Zentralkomitee zum neuen Parteichef, also zum mächtigsten Mann der Volksrepublik erkoren, gab sich Xi Jinping auch schon eine Regierungsdevise. Inoffiziell natürlich, doch nicht weniger wirksam. Xi träumte mit offen leuchtenden Augen vom «Chinesischen Traum». Der inzwischen auch noch zum Staatspräsidenten gewählte Xi tat nichts anderes als das, was schon seine Vor-, Vorvor- und Vorvorvorgänger zu tun pflegten. Von den Kaisern der letzten zweitausend Jahre ganz zu schweigen. So fiel der grosse Revolutionär und Reformarchitekt Deng Xiaoping mit dem Slogan «Reform und Öffnung» auf, sowie mit dem noch heute populären und gültigen Spruch «reich sein ist glorreich». Staats- und Parteichef Jiang Zemin (1989-2002) wollte mit der eher kryptischen Devise der «Drei Vertretungen» in die Geschichte eingehen. Xis unmittelbarer Vorgänger Hu Jintao (2003-2012) bediente sich für seine Regierungsdevise aus dem Fundus von Meister Kong (Konfuzius) und liess die «harmonische Gesellschaft» als Parteilinie festschreiben. Überdies verordnete er «wissenschaftliche» Entwicklung für Wirtschaft und Gesellschaft.

Der neue Chef ging nun einen Schritt weiter. In seinem «Chinesischen Traum» appelliert er wirksam an Gefühle und ans Volksempfinden. Marxismus-Leninismus-MaoDsedong-Denken oder Kommunismus werden kaum erwähnt. Mit dem Traum versucht die allmächtige Kommunistische Partei eine neue Quelle der Legitimität zu schaffen. Nicht verwunderlich, denn im Wirtschaftswunderland der Mitte kann ein rapider Wertezerfall beobachtet werden. Mit dem neuen Slogan versucht die chinesische Führung eine dank der Wirtschaftsreform und den daraus folgenden sozialen Umwälzungen immer differenziertere Gesellschaft zu einen.

Mit dem «Chinesischen Traum» hat Xi Jinping tatsächlich einen Nerv tief im kollektiven Unterbewusstsein getroffen, allerdings vorbereitet von jahrzehntelanger Propaganda. Nicht ganz von ungefähr hat der Parteichef im November seine neue Devise an einer Ausstellung im Nationalmuseum am Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen präsentiert. Dort wird in einer Ausstellung mit dem Titel «Weg zur Wiedergeburt» die Geschichte Chinas seit dem ersten Opiumkrieg (1839-42) dargestellt. Es ist die Geschichte von Kränkungen und Leiden durch die imperialistischen Mächte des Westens und Japans und die Rettung durch die Kommunistische Partei. Der Wiederaufstieg Chinas der letzten drei Jahrzehnte sucht seinesgleichen in der Weltgeschichte. Die Botschaft: China hat jetzt jenen Platz wieder erreicht, der ihm rechtens zusteht und den es vor dem «Jahrhundert der Schande» über tausend Jahre eingenommen hatte.

Dass in der Ausstellung die ersten dreissig Jahre der Volksrepublik nur am Rande erwähnt werden, versteht sich von selbst. Es sind die Jahre der Kampagnen etwa gegen «Landbesitzer» oder «Rechtsabweichler» mit mehreren Millionen Opfern. Es ist auch die Zeit des «Grossen Sprungs nach Vorn» (1958-61) mit der grössten Hungersnot der Weltgeschichte (35 bis 45 Millionen Tote), der «Grossen Proletarischen Kulturrevolution» (1966-76) mit unsäglichen Greueln, Leid und Tod sowie den Studenten- und Arbeiterprotesten von 1989. Was Mao Dsedong damals angerichtet hat, entsprang nicht Träumen, sondern utopischem Denken. In der Wirklichkeit wurden daraus Albträume. Doch noch heute wird Maos Wirken parteiamtlich als zu 70 Prozent gut und 30 Prozent schlecht taxiert.

In seiner Rede im Nationalmuseum zog der Parteichef alle Register seiner rhetorisch bemerkenswerten Fähigkeiten. «Der grösste Chinesische Traum», rief Xi Jinping aus, «ist die grosse Wiedergeburt der chinesischen Nation». Bis in die Mitte dieses Jahrhunderts soll nach diesem «Chinesischen Traum» eine «reiche, starke, demokratische, zivilisierte, moderne, sozialistische und harmonische Gesellschaft» entstehen. Natürlich weiss der neue Staats- und Parteichef, wem er verpflichtet ist. Er sprach deshalb in den letzten Monaten und Wochen auch immer wieder von einem «starken Armee-Traum» und vom «Geist einer starken Armee». Aber auch Laobaixing, der Durchschnittsbürger, geht bei Genosse Xi nicht vergessen: «Unsere Mission ist es, die Wünsche des Volkes für ein glückliches Leben zu erfüllen». Immer natürlich unter der weisen Führung der KP. Der Parteichef formuliert deshalb zuhanden der 82 Millionen Parteimitglieder klipp und klar, was Sache ist: «Der Chinesische Traum ist ein Ideal. Kommunisten sollten ein höheres Ideal haben, und das ist das Ideal des Kommunismus».

Im Ausland sind Xi Jinpings Träumereien kritisch hinterfragt worden. Wie üblich interpretieren viele westliche Kommentatoren ? zu unrecht ? den «Chinesischen Traum» bar jeder historischen Kenntnisse vor allem als Bedrohung und als Zeichen militärischen Muskelspiels. Vor Studenten in Moskau sagte Xi Jinping versöhnlich: «Der Chinesische Traum, den wir realisieren wollen, wird nicht nur das chinesische Volk sondern die Menschen aller Länder glücklich machen». In Afrika meinte Xi, man müsse sich gegenseitig in der Erfüllung der Träume helfen. In der chinesischen Presse wiederum wird verschiedentlich darauf hingewiesen, dass der Traum nicht mit «nationaler Stärke enden wird». Vielmehr müsse solange weiter geträumt werden, bis jeder vom höchsten Beamten bis zum Strassenverkäufer in Würde leben können. In der Tat, der grosse Harmonisierer Xi Jinping hat einen fein ausbalancierten Traum entworfen, der für alle und jede Gelegenheit gilt. Jeder kann sich bedienen.

Der «Chinesische Traum» jedenfalls hat in der Öffentlichkeit des Reichs der Mitte einen hohen Stellenwert. Die Rückkehr zur Grösse, die chinesische Renaissance ist extrem populär. In Schulen formulieren Schüler an speziell hergerichteten Tafeln ihre Träume. Anstatt Modell-Arbeiter wie bis anhin gibt es jetzt Modell-Träumer. Selbst die Universitäten machen mit und unterbreiten traumhafte Forschungs-Vorschläge. Das Schriftzeichen für Traum wurde zum Zeichen des Jahres 2012 gewählt. Auf allen Radio- und Fernsehkanälen ist der «Chinesische Traum» präsent. Chen Sisi, Sängerin der Sing- und Tanztruppe des Nuklear-Raketen-Korps, interpretiert einfühlsam die Ballade «Chinesischer Traum», ein Megahit in den chinesischen Charts. Und die Casting-Show «The Voice of the Chinese Dream» erzielt Rekord-Einschaltquoten. Nur Partei-Propagandachef und Politbüro-Mitglied Liu Yunshao traut dem ganzen nicht so recht. Er liess deshalb das Traum-Konzept in den Schulbüchern verankern, um «sicher zu gehen, dass es in die Gehirne der Schüler» gelange.

Was inspirierte Xi Jinping? Darüber gibt es verschiedene Versionen. Eine nimmt Rückgriff auf einen Kommentar von Thomas Friedman in der New York Times. Der bekannte Kolumnist schrieb im Oktober, dass der amerikanische Traum (ein grosses Auto, ein grosses Haus und Big Macs für alle) nicht auf China übertragen werden könne, weil man dafür «zwei Planeten braucht». Stattdessen solle Xi Jinping einen «neuen Chinesischen Traum entwickeln, der die Prosperitäts-Erwartungen des Volkes mit einer nachhaltigen Entwicklung Chinas» verbinde. Dieser Kommentar wurde dann in den «Referenz-Nachrichten» für chinesische Kader abgedruckt. Dass Xi ihn dort gelesen hat, ist möglich, zumal er ein bekennender Amerika-Fan ist und 1985 einige Zeit bei einer Farmer-Familie in Iowa verbracht hat. Die offizielle Nachrichten-Agentur jedenfalls schrieb, dass der «Chinesische Traum» landauf, landab für Kommentatoren ein beliebtes Thema geworden ist.

Allerdings ist «Traum» der chinesischen Kultur keineswegs fremd. Die Olympischen Spiele in Peking 2008 verwendeten ganz selbstverständlich das Motto «Eine Welt ? Ein Traum». Kundigen Rechercheuren ist zudem aufgefallen, dass Xi Jinping schon vor seiner Wahl zum Staats- und Parteichef in Reden hin und wieder das Wort Traum einfliessen liess. Und bereits vor drei Jahren erschien ein Buch des Autors Liu Mingfu mit ähnlichem Titel («China-Traum: Grossmacht-Denken und Strategie in der Nach-Amerikanischen Aera»). Das Buch von Oberst Liu erlebte, wen wundert es, jetzt eine erfolgreiche Neuauflage.

Inmitten der chinesischen Traum-Orgie wurde das Tagträumen allerdings auch zum Albtraum. Der Neujahrskommentar des liberalen Blattes «Südliches Wochenende» trug den Titel «Der Traum des Konstitutionalismus» und handelte vom Rechtsstaat und einem starken Land mit Gewaltentrennung. Dass war dann für die Zensoren doch ein wenig zuviel des Träumens. Sie schrieben einen neuen Kommentar mit dem Titel «Der chinesische Traum ist näher als je zuvor». Immerhin, die Journalisten des «Südlichen Wochenendes» streikten, die Geschichte wurde im ganzen Land bekannt. Und, oh Wunder, die streikenden Journalisten wurden nicht bestraft.

Es darf also weiter geträumt werden in China. Sogar der amerikanische Aussenminister John Kerry begann kurz nach seiner Peking-Visite von einem «Pazifischen Traum» zu schwadronieren. Wo nur führt das hin! Fehlt gerade noch, dass jetzt auch der kleine Grosse Vorsitzende Ueli Maurer einen «Schweizer Traum» entwirft.


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