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Kolumne


Drápas für Diktatoren

Patrik Etschmayer / Montag, 18. April 2016

Sollten Sie nicht wissen, was eine Drápa ist, keine Angst. Der Autor wusste es vor kurzem auch noch nicht. Eine Drápa ist ein altnordisches Preislied oder Lobgesang. Und passenderweise die einzige Gedichtsform, die den gleichen Anfangsbuchstaben hat wie «Diktator». Diktatoren, Tyrannen und absolute Monarchen mögen nicht verspottet werden. Denn solche Herrscher trampeln zwar angeblich ohne grosse Hemmungen auf den Rechten, Freiheiten und auch Existenzen ihrer Untertanen herum, haben aber selbst meist eine Haut, deren Dicke sich im einstelligen Ångström-Bereich bewegt (und ja, der Autor weiss, dass dies keine offizielle Masseinheit mehr ist, aber es tönt einfach besser als '100 Pikometer').

Aus diesem Grund muss auf solche Herrscher besondere Rücksicht genommen werden. Spott- oder gar Schmähgedichte zu ihren tatsächlichen und (meist) angeblichen Verfehlungen (die sie ja sowieso nur im Dienste und Interesse ihrer Untertanen begehen, wenn überhaupt) sind tunlichst zu Unterlassen.

Jüngste Ereignisse haben ein Schlaglicht auf diese Problematik geworfen. So habe ein eindeutig fäkal-lastiges Gedicht, das in Deutschland veröffentlicht worden war, bei einem peripher-europäischen Herrscher grösstes Unwohlsein ausgelöst. Dies ging so weit, dass dieser - nur um ein wenig von dieser Belastung abzubauen - Klagen gegen den Dichter anstrengte und die Anweisung erliess, die Spannung der, in seinen Gefängnissen angeblich eingesetzten, Elektroschockgeräte von 1500 auf 2000 Volt zu erhöhen.

Dies macht klar, was für einen verheerenden Effekt Spottlyrik auf das Wohlbefinden nicht wirklich existierender politischer Häftlinge haben kann. Schon im Interesse dieser - rein fiktiven, aber trotzdem - Gefangenen sollten spitze Federn, was autokratische Herrscher angeht, zuerst schön rund geschliffen werden.

Denn man stelle sich vor, was sonst noch alles passieren könnte! Ein Haiku über die Grösse der Hoden von Nordkoreas Kim Jong-un könnte zu Massenerschiessungen in den fiktiven Konzentrationslagern und zur Explosion Dutzender Mittelstreckenraketen und der Akne des Jung-Diktatoren führen.

Ein Limerick über die mentalen Defizite von Weissrusslands Lukaschenka würde diesen womöglich dazu bringen, Bündel zusammengeketteter Oppositioneller (die es in Belarus in Wirklichkeit gar nicht gibt) über Irland abzuwerfen und ein spöttisches Sonett über Putins Verständnis von Demokratie könnte diesen dazu bringen, Frauke Petry zu klonieren und mit der so gezüchteten Armee einen Klonkrieg gegen Europa anzuzuetteln!

Man sieht aus diesen Beispielen ganz klar: Spottgedichte gegen angebliche Diktatoren machen nur Ärger. Denn diese sind eigentlich nichts anderes, als hypersensible Staatsoberhäupter, die lediglich aus einem tiefen Harmoniebedürfnis heraus die Opposition proaktiv minimieren und/oder dezimieren.

Es wäre daher viel konstruktiver, auf Hohn und Spott über diese Bedauernswerten, gegen ihren Willen in die Pflicht gegenüber ihrem Volk gezwungenen Herrscher zu verzichten und stattdessen, einen sogenannten European Poetry Contest - ganz analog zum ESC - einzuführen. In diesem würden Dichter Lobschriften für einen Autokraten ihrer Wahl zur Aufführung bringen. Das Fernsehpublikum dürfte in der Folge über den Sieger abstimmen. Als Prämie winkte diesem ein Posten als Hofdichter beim Diktatoren seiner Wahl auf Lebenszeit (des Diktators). Für einen Lyriker eine fast einmalige Gelegenheit, sich materiell abzusichern.

Dabei wäre es egal, ob es sich nun um eine Drápa, eine Ballade, ein Madrigal oder sein Sonett handelte - Hauptsache positiv müsste es sein: Elegien für Erdogan, Madrigale für Mobutu oder Prosagedichte für Putin, Oden an Orbàn, Sestinen für König Salman und General el-Sisi oder Kanzones für Kim: Diese Sendung wäre Balsam für die geschundenen Psychen dieser missverstandenen Verteidiger der absoluten Macht und endlich ein aktiver Beitrag zum Weltfrieden und der Harmonie zwischen den Völkern und ihren Diktatoren!


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