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Gesundheit



Gute alte Zeit? Warum die Türe zu bleiben muss!

In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln.

Patrik Etschmayer / Quelle: news.ch / Dienstag, 31. Mai 2016 / 08:26 h

Bakterielle Infektionen waren bis vor kurzer Zeit ein grosser Menschheitskiller. Wer eine Statistik aus den Zeiten vor der Erfindung der Antibiotika hervor kramt, stösst auf beängstigende Zahlen. So starben 1930 in Nürnberg im gesamten 4260 Menschen. Davon ca. 750 an bakteriellen Infektionen, soweit sich das aus den damaligen Statistiken ableiten lässt. Tuberkulose und Lungenentzündung waren ebenso wie Diphterie und Wundinfektionen vielfach ein Todesurteil. Gegen einige dieser Krankheiten gibt es unterdessen zwar Impfungen, vielen bakteriellen Infektionen lässt sich allerdings nur mit Antibiotika zu Leibe rücken. Doch vielleicht heisst es schon bald: liess. Denn in den USA ist nun zum ersten mal bei einem Menschen eine Bakterien-Infektion aufgetreten, die auch gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist, dem nur sehr selten eingesetzten Colistin. Allerdings sprach der Errger auf andere Antibiotika an, und die Frau konnte doch geheilt werden. Alles gut? Nein. Das Besorgniserregende: Die Resistenz des Bakteriums war auf einem Plasmid-Ring-gespeichert einem DNA-Strang, der unabhängig von der Kern-DNA des Bakteriums in diesem existiert und so nicht nur weiter vererbt, sondern auch auf andere Bakterien übertragen werden kann. Blöd gesagt ist das eine Art Erbgut-App, die von Bakterien sehr einfach weiter gereicht werden kann - sowohl auf gleichartige wie auch völlig andere Bakterienstämme. Dieses Mal hatte die Patientin, wie gesagt, noch Glück, denn das betreffende Bakterium war eines, das von anderen Antibiotika behandelbar war. Aber das Plasmid kann ohne weiteres auf ein Bakterium weiter gegeben werden, das auch sonst schon multiresistent ist - und durch das Wesen von Plasmiden und Bakterien ist dies nur eine Frage der Zeit. Dieses Plasmid-Gen - MRC-1 genannt - trat letztes Jahr zum ersten Mal in China bei Schweinemastbetrieben auf, in denen Antibiotika als Masthilfsmittel benutzt werden. Diese Praxis, mit der das Wachstum von Masttieren gefördert und der Preis von Fleisch reduziert wird, wurde schon seit Jahren von Immunologen als purer Wahnsinn bezeichnet. Bereits dem Entdecker (nicht Erfinder, denn Antibiotika sind natürliche Waffen von Schimmelpilzen gegen ihre bakterielle Konkurrenz) von Penizillin, Alexander Flemming, war klar, dass dieses Wundermittel vorsichtig, gezielt und sparsam eingesetzt werden müsste und Patienten das Antibiotikum bis zur vollständigen Genesung zu verwenden haben, um das Medikament nicht unnütz werden zu lassen. Werden Bakterien den Antibiotika nur kurz oder in zu geringer Dosierung ausgesetzt, ist das ein Trainingscamp für Mikro-Organismen. Jene, die am empfindlichsten sind, werden ausgesiebt und die stärksten bleiben übrig. Setzt man Antibiotika zudem noch bei Krankheiten ein, die gar keine solchen verlangen (virale Infekte, zum Beispiel) oder gar für Dinge, für welche sie gar nie gedacht sind (Tiermast), werden Antibiotika-Resistenzen geradezu erzwungen. Zu all den Problemen kommt noch jenes dazu, dass momentan praktisch keine neuen Antibiotika-Klassen in Entwicklung sind.

Verbot von Antibiotika in Tiermast längst überfällig

Auf der Medizin-Seite wurde seit den 90er-Jahren scheinbar viel gelernt.



«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt. /

Ärzte geben nicht mehr einfach so dem Verlangen der Patienten nach, wenn diese ein AB verlangen, wenn es gar nicht klar ist, dass eine bakterielle Infektion vorliegt. Doch in der Tiermast kämpfen - auch in Europa - Bauernverbände und Mastbetriebe zusammen mit Lebensmittelkonzernen um das Recht, weiterhin zu jenen Bedingungen zu produzieren, welche günstiges Fleisch für den Konsumenten garantiert. Die Risiken dieses Missbrauchs von Antibiotika wurden und werden dabei von den Fleischproduzenten herunter gespielt. Dabei wäre das konsequente weltweite Verbot von Antibiotika in der Tiermast der dringende erste Schritt an dieser Frontlinie. Doch der Kampf gegen die Bakterien ist ein Zweifrontenkrieg. Und dort, wo in einem wirklichen Krieg die 'Heimatfront' verortet wird, läuft derzeit fast nichts: Bei der Entwicklung neuer Waffen, d.h. Antibiotika-Klassen. Nicht zuletzt, weil die kommerziellen Aussichten eines neuen Medikaments ziemlich düster sind. Denn es würde praktisch unter Verschluss stehen, wie heute Colistin, und nur dann zum Einsatz kommen, wenn nichts anderes mehr wirkt. Der Gedanke, womöglich Milliarden in die Entwicklung eines Medikaments zu stecken, dessen Verwendung de facto verboten wäre, lockt in den Zeiten der optimierten Rendite Pharmariesen nicht nur nicht hinter dem Sessel hervor sondern lässt deren CEO's geradezu vor solchen nicht gewinnträchtigen Vorhaben zurück schrecken, wäre ein solches Vorhaben doch geradezu ein Renditegift. Erschwerend gehen langsam die Ziele aus, an denen sich Problembakterien angreifen lassen. Auf gut Deutsch: Die Forschung wird immer teurer, immer schwieriger und die Vermarktbarkeit bleibt stark eingeschränkt, weil: 'Reservemedikament'. Wie immer, wenn es um das Gemeinwohl geht, kommt hier die Privatwirtschaft an ihre systemischen Grenzen.

Hoffnung dank internationaler Initiativen

Dass es seit 2011 Partnerschaften der EU (Projekt ND4BB) mit Pharmaherstellern für die Entwicklung neuer Antibiotika gibt, ist erfreulich. Dass in diesem Jahr unter Führerschaft der WHO eine globale Vereinbarung namens GARD geschlossen wurde, welche die Weiterentwicklung von aus wirtschaftlichen Gründen vernachlässigten Forschungsprojekten stützen soll, ist womöglich ein Beweis dafür, dass diese Gefahr nun endlich auch von der Politik wahrgenommen wird. Diese Entwicklung neuer Antibiotika unter internationaler Führung ist teuer, mühsam und dürfte von der Öffentlichkeit praktisch nicht wahrgenommen werden. Dies, obwohl diese Projekte dereinst (in 10 Jahren?) womöglich Millionen von Menschenleben retten können. Sollten Neoliberalismus und Neoisolationismus weiter voranschreiten, könnten diese Vorhaben zum Scheitern verurteilt sein, weil Länder aus diesen Projekten aussteigen. Sei es um ihre Gelder für 'nationale' Zwecke einzusetzen oder um schlicht ein wenig auf die populistische Art machen zu wollen, indem Vorhaben der Bösen UNO/EU/WHO etc. nicht mehr finanziert und dafür zb. Hornkuh-Bauern unterstützt werden. Die - genau von solchen Politnostalgikern vielfach beschworene - 'gute alte Zeit', wie sie unsere Grosseltern noch vor 80 Jahren (üb)erleben mussten, steht wieder drohend vor der Tür. Wir sollten alles in unserer Macht stehende tun, um diese Türe geschlossen zu halten. Doch dies ist eine globale Aufgabe, die in einer nationalistischen Welt nicht zu bewältigen sein wird.

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