von Patrik Etschmayer / Quelle: news.ch / Freitag, 17. September 2010 / 11:40 h
Also, mal ganz kurz an alle ihr Smartphone-Fetischisten jeglicher Geschmacksrichtung: Euer Streit und euer Gadget-Kult ist lachhaft. Hört also auf, das alles so ernst zu nehmen. Denn wir sind eine lächerliche Minderheit auf diesem Planeten und wenn es unsere grösste Sorge ist, dass es keine Applikation gibt, die den Fuss scannt und einem dann genau sagt, welche Schuhnummer von welcher Marke am besten passt, dann geht es uns echt gut.
Viele Menschen haben ganz andere Sorgen, wie der Erfinder des Internets, Sir Tim Berners-Lee, diese Woche an einem Mega-Event von Nokia ausführte. Zum Beispiel herauszufinden, wo sie günstige Medikamente für ihr krankes Kind besorgen können, wie man einen Brunnen oder Wasserfilter bauen, wie man mit einfachen Mitteln einen Generator reparieren kann. Welche Nutzpflanzen alleine nahrhaft genug sind, und welche zwar satt machen, aber zu Mangelerscheinungen führen, wenn man sie nicht mit anderen Nahrungsmitteln kombiniert. Wie günstig und sicher verhütet werden kann und welche einfachen Hygienemassnahmen die eigene Gesundheit und die der Familie verbessern können.
Dies sind alles Informationen, die eigentlich fast gratis abrufbar wären, an die aber 80% der Weltbevölkerung nicht heran kommen. Denn einen Computer können sich diese Menschen ohnehin nicht leisten. Aber ein günstiges, internetfähiges Handy wäre durchaus in dem Bereich des erschwinglichen. Doch wenn selbst der günstigste Datenplan mehr kostet, als eine solche Bauernfamilie in Afrika im Monat verdient, nützt auch das genialste Günstig-Handy nichts.
In vielen Entwicklungsländern gibt es keine Dateninfrastruktur wie bei uns, die ja zu einem grossen Teil auf Telefon- und Kabelfernsehnetzen basiert. Was bei uns eigentlich ein als Notwendigkeit wahrgenommener Luxus ist (mobil übers Internet kommunizieren zu können), kann in der dritten Welt so wichtig sein, wie Trinkwasser oder medizinische Versorgung.
Doch nicht nur der Zugang zu wichtigen Informationen, die beim unmittelbaren Überleben hilfreich sind, kann so erreicht werden, ebenso ist es möglich, selbst hergestellte Waren und die Ernte potentiellen Käufern anzubieten und das Handy selbst, wenn die Netzbetreiber dies erlauben, als Werkzeug zu benutzen, Zahlungen auszuführen und entgegen zu nehmen.
Die Aufgaben, die Handys in der entwickelten Welt aus reiner Bequemlichkeit hinein geschustert bekommen und von stationären Systemen übernehmen, werden in Entwicklungsländern vielfach zum ersten Mal überhaupt angeboten und eröffnen den dort lebenden Menschen völlig neue Möglichkeiten.
Wenn Stiftungen wie die World Wide Web Foundation das mobile Internet in der dritten Welt propagieren und fördern und dieses als gleich wichtig wie medizinische Versorgung oder Trinkwasser bezeichnen, so ist dies nicht die Meinung von einigen Computerfreaks, sondern von Leuten, die realisieren, dass Wohlstand und Sicherheit auch zu einem grossen Teil von der Vernetzung einer Gesellschaft durch eine Informationsinfrastruktur hervorgebracht wird. Eine Infrastruktur, die an vielen Orten erst heute – kabellos – erstellt wird.
Bildung, Wasser, Datenabo – ein kurioses Triumvirat, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick hingegen eine zwingend logische Ergänzung und eine Antwort auf das Problem, nützliches Wissen, Umweltschutz, Gesundheit und Selbstbestimmung an Orte zu bringen, wo diese bisher Mangelware gewesen sind.