«Die Parteitage gibt es seit etwa 180 Jahren. Die meiste Zeit davon galten sie nicht als ein Instrument, das die öffentliche Meinung verändern konnte − dafür waren die Conventions schliesslich auch nicht gedacht», sagte Keating Holland, der Umfragen-Chef für CNN.
«Ein paar Jahrzehnte lang ist es den Politikern dann zwar gelungen, aber für das 21. Jahrhundert liegen dafür bislang keine Beweise vor.»
Einst trugen die sogenannten «Conventions» dazu bei, die Kandidaten für das Amt des Präsidenten auszuwählen, doch inzwischen geschieht dies bereits Monate zuvor bei den Vorwahlen in den einzelnen Bundesstaaten. Heute sind die Parteitage nur noch eine aufwendige und durchorganisierte Show für die Fernsehzuschauer des Landes − eine ideale Bühne für wichtige Figuren der Partei und grosse Versprechen für die Zeit nach der Wahl.
Laut einer Schätzung könnten die Demokraten − und all die Journalisten, Lobbyisten, Geldgeber und Aktivisten, die diese Woche ebenfalls in Charlotte, North Carolina, zu Besuch sind − der Region mehr als 120 Millionen Dollar bescheren. Die Republikaner und ihr Gefolge haben bei den Parteitagen in Tampa, Florida, angeblich sogar 140 Millionen Dollar in die dortigen Kassen gespült.
Romney und Obama gleichauf
Zwei Monate vor der Wahl liegen Romney und Obama im Grunde genommen in den meisten landesweiten Umfragen gleichauf. Nachdem der etwas weniger bekannte Herausforderer einem berühmten Amtsinhaber gegenübersteht, hätte Romney wohl hoffen dürfen, ein wenig vom Zusammenkommen der Republikaner letzte Woche zu profitieren, immerhin genoss er dort drei Tage lang die öffentliche Aufmerksamkeit und wurde von seinen Parteikollegen mit Lob überschüttet.
Doch Romney hat nur einen Prozentpunkt gegenüber der letzten CNN-Umfrage gutmachen können. Vor der Treffen seiner Partei lag Romneys Zustimmungsrate bei 47 Prozent, danach bei 48 Prozent.
Obama ruft zur Schicksalswahl auf. /


Sein Konkurrent Obama hingegen hat einen Prozentpunkt verloren und ist von 49 auf 48 Prozent gerutscht. Hollands Kommentar dazu: «Somit haben wir nun statt eines sehr knappen Kopf-an-Kopf-Rennens wirklich Gleichstand.»
Bis die neuen Umfragen vorliegen, wissen wir nicht, ob und wie sehr Obama von der Aufregung dieser Woche profitieren kann. Experten, die sich mit den Parteitagen der vergangenen Wahljahre beschäftigt haben, erwarten allerdings keine grossen Veränderungen in den Umfragen.
Conventions motivieren die vielen Freiwilligen
Dabei haben die Conventions der Parteien bis heute durchaus ihren Nutzen: Sie motivieren die vielen Freiwilligen, die den Wahlkampf unterstützen, und spülen Spendengelder in die Kassen. Doch wer sich zu sehr auf die Parteitage oder die Ergebnisse einer landesweiten Umfrage konzentriert, täuscht sich am Ende vielleicht.
In Amerika werden die Präsidentschaftswahlen Staat für Staat gewonnen oder verloren - völlig unabhängig davon, wer landesweit die meisten Stimmen erhält. In der Mehrzahl der Bundesstaaten sind die Wähler traditionell mehr den Republikanern oder den Demokraten zugetan, sodass der Ausgang dort bereits jetzt als relativ sicher gilt. Der richtige Wahlkampf konzentriert sich hingegen auf die umkämpften Staaten, die sogenannten «Swing States», wie Florida, Virginia, Ohio und einer Handvoll anderer, da die Kandidaten dort gute Chancen haben, die Wähler auf die eine oder die andere Seite zu ziehen.
Jonathan Mann
Dieser Text stammt von Jonathan Mann, Moderator und Journalist bei CNN International. Seine Kolumne steht in der Schweiz exklusiv für news.ch zur Verfügung. Mehr über das US-Wahljahr 2012 unter http://edition.cnn.com/ELECTION/2012.