et / Quelle: news.ch / Freitag, 9. März 2012 / 17:14 h
Der gegenwärtige Ist-Zustand von Fukushima Daiichi sollte eigentlich ausgeblendet werden. Denn das Drama von Fukushima war nur am Ende ein technisches - jenes, was zum Desaster geführt hatte, war hingegen höchst politisch.
Atomkraft kann theoretisch beinahe 100% sicher sein und ebenso kann gesagt werden, dass generell keine Technologie ein Nullrisiko bieten kann. Die Atomkraft KÖNNTE also bei der Sicherheit mit zuoberst stehen. Könnte. Doch um dies zu erreichen und um das der Atomkraft innewohnende Risiko auf das mögliche Minimum zu reduzieren, ist es erforderlich, dass die Interessen jener, die für die Kontrolle der Atomkraftwerke zuständig sind, nicht mit den Anforderungen an die Sicherheit kollidieren.
Genau dies war allerdings in Japan der Fall, ist es scheinbar immer noch. Die Atomaufsichtsbehörde wurde nun zwar halbherzig aus dem Industrieministerium ausgegliedert, aber viel hat sich nicht geändert. Die AKW-Bauer und Betreiber sind eng mit den Behörden verbandelt und selbst bei den Aufräumarbeiten sind die Aufträge nun vielfach an die Firmen gegangen (wie zum Beispiel Hitachi), die bereits die explodierten Atommeiler gebaut haben. Und weil diese Verträge so lukrativ sind, mische scheinbar auch schon die organisierte Kriminalität, die Yakuza, fleissig mit. Man malt sich besser nicht aus, wie Atommabfälle von dieser entsorgt wird.
Dies passiert jetzt, nach der Katastrophe. Man will sich gar nicht vorstellen, wie es zuvor zu und her ging.
Herbeigezwungene Katastrophe: Fukushima /


Fakt ist, dass, um Geld zu sparen und den Gewinn zu maximieren, über Jahrzehnte die Sicherheit vernachlässigt wurde.
Dies wurde vom japanischen Staat und seinen durch Lobbyisten gekauften Politikern, gerne in Kauf genommen und die möglichen Folgen von schweren Erdbeben ausgeblendet. Es habe sich, wird entschuldigend gesagt, bei dem Erdbeben vom letzten März ja auch um ein 10'000-Jahr ereignis gehandelt. Allerdings wird bei einer Laufzeit von 40 Jahren daraus schon eine Chance von 1:250 und es darf sogar die 10'000-Jahr Behauptung angezweifelt werden, gibt es doch Markierungen, an Uferhängen, die vor einigen 100 Jahren als Warnung errichtet wurden, weil damals ein ähnlich starker Tsunami die Küste verwüstet hatte. Doch selbst wenn das 1:250er Risiko stimmte: Bei solchen Chancen würde sich niemand trauen, Auto zu fahren.
Dass Investoren und Betreiber die Risiken gerne klein rechnen, ist logisch. Der Haken an der Sache ist der, dass die Kontrollbehörden diese Behauptungen, den übertriebenen Optimismus und die gewinn-getriebene Risikoblindheit der Atomindustrie einfach übernommen hatten, statt diese zu bremsen und in die Schranken eines realistischen Sicherheitskonzeptes zu weisen.
Doch dies ist - wie bei so manchen anderen grossen Industrien - für die Politik meist nicht einfach. Denn Parteispenden und Gefälligkeiten erzeugen gegenseitige Abhängigkeiten und unausgesprochene Verpflichtungen. Wieviel schlimmer dass dies in Japan der Fall war, als in anderen Ländern (wie zum Beispiel Frankreich oder der Schweiz) ist reine Spekulation: Nach der Katastrophe zeigt jeder auf den anderen als abschreckendes Beispiel und auf sich selbst als leuchtendes Vorbild.
So bleibt auch einem, der eigentlich an die Atomkraft als eine vernünftige Energiequelle glaubt, am Ende doch nur die Ablehnung dieser übrig, da weder Betreibern noch Kontrollbehörden und Politikern getraut werden kann, diese Technik mit jener Verantwortung zu betreiben, welche sie auf Grund der innewohnenden Risiken erfordert.
Fukushima ist dabei nur ein Beispiel dafür, wie eine Katastrophe geradezu herbei gezwungen werden kann: Hochlukrative und -riskante Technologien scheinen mit dem Kapitalismus, wie er bei uns praktiziert wird (mit üppigem Einfluss auf die Politik) einfach nicht kompatibel zu sein. Dieses strahlende Jubiläum erinnert einen schmerzhaft daran.