Regula Stämpfli / Quelle: news.ch / Mittwoch, 21. Oktober 2015 / 09:43 h
Horkheimers Diktum: «Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen» bewahrheitet sich einmal mehr. Das für den Kapitalismus unverdächtige Ifo-Institut publizierte in diesen Tagen eine bemerkenswerte Studie.
Finanzkrisen erschüttern das politische System dramatisch.
Da die in «Not» geratenen Banken üblicherweise vom Staat gerettet werden oder gar pleite gehen, leiden die Menschen anschliessend jahre- bis jahrzehntelang unter Arbeitslosigkeit, Sparprogrammen, Rückgang des Wirtschaftswachstums. Die wirtschaftliche Misere provoziert ein oder zwei Jahre später, Zeichen politischer Unordnung: Demonstrationen, Strassenkämpfe und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Regierten und Regierenden werden häufiger.
Jede Finanzkrise provoziert die Zerrüttung der Demokratie. Einige Demokratien überleben diese Erschütterung wie Japan seine Erdbeben, andere müssen sich auf jahrzehntelange Stagnation, Auswanderung der Jugend und eine unglaubliche Verarmung einstellen, siehe Griechenland.
Alle Demokratien - so der Befund des Ifo - erleiden jedoch einen alarmierenden Rechtsruck: Naziparteien und Rechtspopulisten feiern Höchststand.
Linksradikale Gruppierungen dagegen gewinnen nach einer Finanzkrise nur ganz wenige Wählerstimmen.
«L'état c'est moi», meinte Louis XIV in Versailles. «L'état n'existe plus» grinst Lloyd Blankfein von Goldman Sachs. /


Der Wahlerfolg von Syriza in Griechenland war einmalig und es dauerte ja auch nicht wirklich lange bis Tspiras das ursprüngliche Syriza-Programm in der Spree ersäufen musste.
Erstaunlich am Bericht von Ifo ist zudem, dass Wirtschaftskrisen, deren Auslöser strukturell sind, weniger Schockwirkungen für die Politik haben als die hausgemachten Finanzkrisen.
Was folgern also die - betreffend die Befürwortung des Kapitalismus - wirklich unverdächtigen Autoren?
Regulierungsbehörden und Zentralbanker haben eine enorme Verantwortung für die politische Stabilität. Deshalb ist es dringend, dass sie auch die Finanzmärkte beaufsichtigen:
«Wer Finanzkrisen verhindert, verringert auch die Wahrscheinlichkeit eines politischen Desasters.»
Wer nach Deutschland schaut, den unsäglichen Auftritten der AfD bei Jauch lauscht, die Parolen der Pegida hört, die rechtsnationaltümliche Rhetorik einiger SVP-Exponenten über sich ergehen lässt, realisiert sofort: Hier sind grössere Kräfte am Werk, als der von den Experten verniedlichte «bürgerliche Rechtsrutsch.» Es sind historische Doku-Polit-Dramen, die sich unter den Verhältnissen der Entpolitisierung und der Quantifizierung statt der Qualifizierung der Demokratie, in immer schnelleren und radikaleren Ausmass ereignen. Und alle machen mit. Statt dass der «Rechtsrutsch» endlich im Zusammenhang mit Macht, Herrschaft, Bankenkrise, Medienkomplizenschaft diskutiert wird, versuchen die gängigen Experten, den «Rechtsrutsch» mit dem Verweis auf «Ängste», auf «Migration», auf «Stadt-Land» zu entschärfen. Dabei geht es um viel mehr. Nämlich um die vom Finanzkapitalismus provozierte und ständig wiederkehrende Unterwerfung von funktionierenden oder erst gerade entstehenden Demokratien.
PS: Der Wikipedia-Artikel zur «Finanzkrise seit 2007» gehört übrigens zum übelsten ideologischen Machwerk der häufig ideologischen Machwerken auf Wikipedia, das sich in politischen Kernthemen mehr und mehr zur Propagandastelle der Wallstreet, der US-amerikanischen Systems generell, der weissen Männerherrschaft und des Pentagons entwickelt. Es wäre schön, wenn wenigstens hier von einigen Nerds Gegensteuer geleistet werden könnte oder auch nur gewollt würde... siehe nebenstehenden Link.
Und bitte kein Hinweis, ich solle doch die Korrekturen anbringen, was ich immer wieder tue mit dem Resultat, nach stundenlanger Recherchearbeit mit völlig idiotischen Verweisen auf die «rechten» Erstautoren gelöscht zu werden.