et / Quelle: news.ch / Montag, 16. August 2010 / 20:22 h
Jetzt haben wir es also: Der «Horror» Gratiskultur ist es, der zum Minarettverbot und zur Kopftuchdebatte führte. Und ja, auch die Finanzkrise haben die Medien viel zu spät erkannt. Stattdessen habe man sich mit Carl Hirschmann und seinen ausser Rand und Band geratenen Geschlechtsorganen befasst und die Frontseiten zugekleistert.
Aber wird hier nicht ein wenig zu sehr der Botschafter verprügelt? Nehmen wir die Finanzkrise. Bereits lange, bevor sie ausbrach, konnte in den Medien immer wieder von der Kreditblase in den USA gelesen werden. Die Banken – auch hier – deckten sich währenddessen mit Ramschpapieren ein, die so undurchsichtig gestaltet waren, dass nicht mal die Herausgeber wussten was drin ist.
Gratiskultur schuld an Wirtschaftskrise?
Ebenso wenig bemerkten dies auch die Bankenaufsichtsbehörden, die an Informationen herankommen können. Die US-Regierung scheiterte spektakulär, als sie die Lehman-Bank pleite gehen lässt. Die ganze Welt torkelte blind in die Katastrophe – und die Presse hätte das also sehen müssen? Oder, um es überspitzt zu sagen: Sind WIR schuld an der Weltwirtschaftskrise?
Dass die Gratisportale und Pendlerzeitungen die Medienkultur verändern ist klar. Es wird härter um den Leser gekämpft und es kämpfen mehr Anbieter um die Konsumenten. Doch gerade Online-Medien ermöglichen es auch, mit dem Medienkonsumenten in engeren Kontakt zu treten. Foren, Abstimmungen und Diskussionen mögen den Kritikern wie unnützer Pipifax erscheinen.
Wegen Gratiskultur zum Tode verurteilt? Internationale Presse. /


Aber sie geben tatsächlich dem Leser eine zeitnahe Möglichkeit sich zu Äussern – oder wenn sie entsprechend kompetent sind, sogar Beiträge zu verfassen.
Dies alleine garantiert noch keine Qualität, das ist klar. Doch es zeigt Möglichkeiten einer neuen Art der Presse auf. Die Studie hängt gewissen romantischen Visionen nach: Der Presse als Allheilmittel der Gesellschaft. Doch die «alte Presse» war das auch nicht.
Gratis wird mit wertlos gleich gesetzt
Entscheidend wäre es, dass die neuen Möglichkeiten der 'Teilnehmer-Medien' mit den Vorteilen des traditionellen, investigativen Journalismus kombiniert würden. Dies kann aber nur passieren, wenn die Popularität der neuen News-Quellen sich endlich auch monetarisieren lassen und so diese Interaktion auch mit Substanz unterfüttert werden kann.
Doch die «Gratiskultur» der Konsumenten ist nicht das Hauptproblem; das Problem sind nicht zuletzt die Anzeigenkunden, die gratis mit wertlos gleichsetzen. Man sollte immer Bedenken, dass mit dem Zeitungsverkauf keine Zeitung finanziert werden kann. Die Redaktion muss mit den Anzeigen bezahlt werden – eigentlich die perfekte Situation, wenn dies auch in den Anzeigenmarkt durch dringen würde.
Demokratie heisst Teilnahme am Diskurs. Noch nie standen so vielen Menschen die Werkzeuge zur Verfügung, genau dies zu machen. Doch dieser Schritt ist noch nicht getan worden, Form und Akzeptanz müssen erst noch gefunden werden – wenn dies passiert, ist gratis eine Chance und nicht mehr Gefahr für die Demokratie.