Patrik Etschmayer / Quelle: news.ch / Freitag, 29. Juni 2012 / 12:30 h
Fukushima, so wurde immer wieder hochdramatisch gesagt, sei überall. Der Autor hingegen fand schon kurz nach der Krise, dass vor allem Korruption und Industrieinteressen überall seien. Und veraltete, ineffiziente Reaktoren, die massenhaft radioaktiven Müll hinterlassen. Radioaktiven Müll, der jede Menge Probleme bereitet.
Die Ironie an diesem Abfall ist, dass er eigentlich nicht verscharrt werden müsste. Wer an Fukushima zurück denkt, dem fällt bestimmt das Abklingbecken von Block 3 ein. Die dort gelagerten alten Brennstäbe erzeugten immer noch so viel Wärme, dass deren Kühlung ein ernsthaftes Problem neben jenem der durchgebrannten Reaktorkerne wurde. Nach anfänglichen Wasserabwürfen auf Hubschraubern wurden später Wasserwerfer eingesetzt, die täglich hundert Tonnen Wasser auf den heissen Nuklearabfall spritzten, um diesen vom durchbrennen abzuhalten.
Es ist also klar, dass der Abfall noch einiges an Energie enthält, was seine Zwischen- und Endlagerung ja auch so problematisch macht. Wenn wir hier nun also die AKW's ausschalten, bleibt die Hypothek trotzdem bestehen.
Der Eiertanz um die genauen Formulierungen beim Ausstieg hätte vielleicht den Hinweis enthalten sollen, dass es vielleicht vernünftig wäre, genau diese Abfälle statt zu vergraben, weiter zu verwenden.
Zerstörtes AKW Fukushima: 100 Tonnen Wasser pro Tag ins Abklingbecken. /


Vor allem die langlebigen und sehr radioaktiven Actinoide müssten verwertet werden. In normalen «alten» Reaktoren funktionierte dies nicht, aber in den USA soll bis 2020 der sogenannte «PRISM»-Reaktor (Power Reactor Innovative Small Modular) in Betrieb genommen werden, in dem genau diese Problemstoffe und sogar altes Waffenplutonium verwertet und unschädlich gemacht werden soll.
Diese kleinen, geschlossenen Reaktorblöcke arbeiten mit einer drucklosen, passiven Natriumkühlung und können von dem her gar nicht mehr explodieren. Doch der eigentliche Kicker ist dabei, dass die Nuklear-Abfälle verwertet statt vergraben werden. Denn seien wir ehrlich: Es gibt praktisch keinen Ort, an dem heute noch ein Endlager in Frage kommt: Kaum wird irgend ein Berg, ein Bergwerk oder ein anderer Ort ausgewählt, ist der Protest auch schon in der Hütte. Und die Nuklearabfälle gehen auf eine nicht enden wollende Zwischenlagerungstour.
Heute geht das noch halbwegs. Aber was ist in 50 oder 100 Jahren, wenn niemand mehr irgendwas von dieser Form der Energieerzeugung hat? Wäre es nicht vernünftig, die jetzt aufgehäuften Hypotheken abzubauen und zu beseitigen und dabei noch einen Nutzen zu ernten, der nicht zuletzt im Vermeiden von Treibhausgasen und einer Energiequelle für die Übergangszeit zur nachhaltigen Stromproduktion bestehen würde?
«Nochmals Nuklearenergie?» mag nun mancher sagen. Doch diese kompakten Kraftwerksmodule wären die verantwortungsvolle Ausgangstüre, der nukleare Exit, der einen wesentlich saubereren Tisch hinterlassen würde, als das heutige rum gewurschtle, das St. Nimmerleinsprinzip, dass sich vor allem mit dem Fingerzeigen auf die jeweils anderen aus der Verantwortung stehlen will: Wir haben alle durch günstigen Strom für die Industrie mit profitiert, die Stromindustrie hat gut verdient und die Politik hat sich profiliert. Unsere Kinder und Kindeskinder verdienen es nicht, von uns einfach einen Haufen ungelöster Probleme an den Kopf geworfen zu bekommen.
Wer einen saubereren Ausweg nennen kann, sei willkommen, dies zu tun, aber nur wenn eine schlüssige Lösung dabei ist, wie das postnukleare Zeitalter (zumindest in Europa) sauber, ohne Jahrhunderte lang herum marodierende, strahlende Altlasten, eingläutet werden kann.