stä / Quelle: news.ch / Mittwoch, 6. Februar 2013 / 10:01 h
Wie anno 1986 beim Abstimmungskampf um das neue Eherecht werden von der SVP Mottenkistenargumente hervorgekramt, um die Vorlage, die übrigens in der Romandie und im Tessin schon längst Realität ist, zu bekämpfen. Dies hindert mich indessen nicht, auch einige kritische Anmerkungen zur sogenannten Vereinbarkeit von Beruf und Familie anzufügen, um dann doch für ein «Ja» zur Vorlage zu plädieren.
Verfolgt man die Debatten um Krippen, Tagesschulen, Sexismus und Frauenquoten, gewinnt man den Eindruck, der Feminismus drehe sich heutzutage nur um ein Thema: «Wie können Frauen schnellstmöglich die besseren Männer werden.» Natürlich wird dies nie so gesagt, sondern klingt dann so: «Das volkswirtschaftliche Potential nutzen», «Frauen dürfen genauso mittelmässig sein wie Männer», «Frauen gehört die Hälfte des Himmels (statt ehrlicherweise die Hälfte der Hölle)», «Frauen sind die besseren Chefs», «Das Potential qualifizierter Frauen liegt brach»oder «die moderne Wirtschaft kann ohne Frauen nicht mehr auskommen» und «Frauen verhindern noch mehr Migration.»
Was wurde eigentlich aus den Vorschlägen, dass nicht die Frauen sich dem System, sondern das System sich endlich den Frauen anpassen sollte? Zum Beispiel Arbeitsplätze ermöglichen, die Vätern und Müttern erlauben, zu Kindern oder zu ihren Eltern, oder zivilstandsfreien Menschen, einfach zu sich zu schauen? Was geschah mit den pädagogischen Diskussionen, dass Kinderkrippen echt soziale, freundliche, lustige Menschen mit einer schönen Kindheit produzieren, während ein Einzelkind, eingesperrt in Dreizimmerwohnung mit frustrierter Mutter, nur dank Ritalin noch nicht zum Amokläufer geworden ist? Wo bleiben die Grundsatzdebatten? Weshalb immer nur so idiotische Dualismen «Karrierefrau» und «Mutter» statt von von Erwerbsarbeit entlasteten und glücklichen Eltern, Wohngemeinschaften und Dorfgemeinschaften zu sprechen? Weshalb nicht einmal wieder diskutieren, dass Kinder, um eine gesegnete Kindheit zu erleben, vor allem ein glückliches Umfeld brauchen? Ein Umfeld, das in der vielbeschworenen flexiblen, neoliberalen, globalen, «befreiten» Wirtschaft jeden Menschen im erwerbstätigen Alter teilweise massiv destabilisiert und dieses so als alles andere, nur nicht als «glücklich» bezeichnet werden kann? Weshalb verdrängen wir die Probleme der Familienpolitik genau in dieser Debatte und konzentrieren uns auf «Betreuungsplätze» (welch grässliches Wort)? Wo bleibt die Idee, dass die Menschwerdung der Frauen, ja aller Menschen, etwas mehr sein darf als «ich arbeite» und «ich kaufe», sondern «ich will» und «ich lebe»?
Mein Unbehagen wächst je länger je mehr ich diese glatten, homogenisierten, durchschnittlichen, angepassten Menschen sehe, die Frauen angeblich fördern wollen, nur weil die Schweizer Franken deren Linsen noch stärker zu leuchten bringen.
Überall, wo wir hinschauen, geht es darum, die Frauen heute möglichst zackig in den Kapitalismus zu integrieren. Deshalb findet der Familienartikel auch so grosse und überparteiliche Unterstützung. Nirgends wird diskutiert, dass Kinderkrippen und Tagesschulen Hand in Hand mit der Reform des Wirtschafts- und Finanzsystems einhergehen müssten. Frankreich und Belgien haben flächendeckende Kinderkrippen- und Tagesschul-Strukturen und eine 38 oder 35-Stunden-Woche, hallo! Wir lesen zuhauf Porträts erfolgreicher Frauen, die Kinder, Karriere, Ehe und ne schlanke Figur schaffen. Schön für alle Betroffenen , aber tut bitte nicht so, als hätte das irgendwas mit Frauenförderung zu tun oder gar mit Feminismus! Feminismus hiess nie, Frauen dieselben Funktionen wie Männer ausführen zu lassen, sondern Feminismus beinhaltete immer die Vielfalt, Frauen und Männer als Menschen existieren zu lassen. Feminismus stand für die Transformation, die Umkehr, Wegkehr und gestaltende Orientierung. Der Aufstieg der Frauen ist nach dem amerikanischen Vorbild mit der Zerstörung all dessen, was Frauen einmal waren oder sein könnten, gepflastert. Haben Sie dies nicht auch schon bemerkt?
Feminismus heisst nicht, die Freiheit zu haben, Highheels zu kaufen und sich wie eine Prostituierte zu benehmen, zu kleiden, zu reden, ohne dafür bezahlt zu werden. Feminismus heisst nicht, um jeden Preis - wie dies Hanna Rosin in ihrem schrecklichen Buch «Das Ende der Männer» beschreibt - ein «Herz aus Stahl» zu kriegen und das eigene Selbst zum besten Preis auf dem «freien» Markt zu verhökern.
Staatskinder oder verwirtschafteter Nachwuchs? Kleinkinder in Krippe /


Feminismus ist auch keine Blümchenideologie, die «böse Mädchen» überall hin kommen, oder «Alphamädchen» in rosa kleidet, an Stripstangen emporhangeln und lustige Kolumnen über das eigene, intime Leben schwadronieren lässt. Feminismus heisst nicht, wie Hanna Rosin dies tut, die eigenen Söhne dermassen als Versager darzustellen, nur weil in deren Adern noch Blut und nicht Diätpulver fliesst wie in Rosins Tochter und ihren künftigen Frankensteinfrauen.
Doch hey! Reden wir über die Abstimmung vom 3. März: Klar doch! Es braucht eine Möglichkeit für Frauen, ihre Menschwerdung sowohl als Mutter, als auch als Berufstätige ausleben zu können. Doch diese braucht es auch für Männer und deren Menschwerdung, kurz, es braucht eine grundlegende, strukturelle Reform von Wirtschaft und Finanzen, sprich Verteilung.
Die Rechte wettert gegen «Staatskinder». Die Linke merkt gar nicht, dass sie mit all ihren Vorschlägen, die vor 40 Jahren noch genial waren, sich heute aber unter neoliberaler Machtverteilung in ihr Gegenteil entwickeln, mehr und mehr börsenkotierte Kinder heranzüchten.
Dies alles gesagt, stimme ich am 3. März selbstverständlich «Ja» zum Bundesbeschluss über die Familienpolitik. Es gibt zwar kein richtiges Leben im falschen System... doch als Krippenkind mit eigenen Krippenkindern habe ich empirische Erfahrungen, die mich zu gewissen Hoffnungen berechtigen, nämlich, dass Menschen sogar im falschen System manchmal richtige Entscheide treffen können. Und wer weiss: Vielleicht führen Kinderkrippen und Tagesschulen nicht in erster Linie zum «Zackzack, die Karrieremutter kommt», sondern zum präsenten, liebevollen Vater, der vor allem seinen Töchtern ein Männerbild mitgibt, das sie stark macht gegen all ihre Freundinnen, die nichts lieber als «Model» werden würden.
Zum Schluss gebe ich Ihnen noch das Zitat von Marie Sichtermann mit, die einmal meinte: «Feminismus ist die Suche nach dem eigenen Standort der Frauen. Wobei noch unklar ist, ob es das Eigene und den Standort gibt und was eine Frau ist.» (Danke Lilo König für den Hinweis).