Gemäss UNO leidet jeder siebte Mensch auf diesem Planeten unter «permanent schwerster Unterernährung». Weitere zwei Siebtel aller Menschen nehmen zwar genügend Kalorien zu sich, wegen einseitiger Ernährung aber nicht genügend lebenswichtige Nährstoffe. Fast die Hälfte aller Menschen leidet also unter einem Mangel an gesunden Lebensmitteln. Gleichzeitig ist in den Industriestaaten eine halbe Milliarde Menschen übergewichtig oder fettleibig und setzt sich somit zusätzlichen Krankheitsrisiken aus. Wer sich also gesund ernährt oder ernähren kann, ist in der Minderheit.
Die Schere von Arm und Reich
Der Ursprung der schlechten Verteilung der Lebensmittel liegt in der klaffend weit geöffneten Schere zwischen Arm und Reich. Während gemäss Schätzung der Weltbank über eine Milliarde Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung hat, können wir uns im Westen bestens leisten, mehr Lebensmittel zu kaufen als wir brauchen. Dank Massenproduktion, Importen aus Billiglohnländern sowie massiven staatlichen Subventionen geben wir nur noch sieben Prozent unseres Budgets für Lebensmittel aus. Kein Wunder also, dass wir die Wertschätzung für unsere Lebensmittel verlieren und jedes fünfte gekaufte Lebensmittel im Müll wieder entsorgen.
Die Verschwendung hat sich in unser System «eingefressen»
Der Verschwendungswahnsinn ist nicht mehr auf einzelne Akteure beschränkt: Er hat sich als Folge des Überflusses ausgeweitet und prägt nun unsere gesamte Lebensmittelkette. Die reicheren Staaten können es sich leisten, Lebensmittel beliebig zu importieren, bis alle Regale in den Läden dauernd voll sind.
Als Folge sind wir Konsumenten immer anspruchsvoller und wählerischer geworden. Zum Beispiel haben wir immer zuerst die makellosen Äpfel aus den Regalen genommen - bis die Detailhändler begonnen haben, nur noch diese allerbeliebtesten Waren in die Regale zu stellen. Bevor ein Apfel heute im Regal des Grosshandels landet, wird mit Hilfe von 50 Fotos elektronisch untersucht, ob er auch wirklich die Anforderungen erfüllt.
Ein Drittel aller Lebensmittel gehen zwischen Feld und Teller verloren
Wir können aber die Natur nicht beliebig nach unseren Wünschen erziehen. Wir erkaufen uns den höheren Ertrag an ästhetisch «normgerechten» Waren mit giftigem Pestizideinsatz und zusätzlicher Umweltbelastung.
Claudio Beretta schloss seinen Master in Umweltnaturwissenschaften ab mit Schwerpunkten in Wald- und Landschaftsmanagement, nachhaltigen Energiesystemen und Lebensmittelverschwendung. Er arbeitet am Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich, wo er im Sommer seine Doktorarbeit beginnen wird. /


Andererseits wird bei Produktion und Handel bereits alles aussortiert, was nicht den Normen entspricht und daher schlechter verkauft werden könnte.
Gemäss unserer neusten Schätzung an der ETH Zürich gehen vom Feld bis auf den Teller in der Schweiz ein Drittel aller Lebensmittel verloren, vielleicht sogar mehr.
Ökologischer, wirtschaftlicher, ethischer und sozialer Irrsinn
Um die Lebensmittel zu produzieren, welche wir in der Schweiz jährlich wegwerfen, verursachen wir gleichviel Treibhausgase wie eine bis zwei Millionen Autos, die ein ganzes Jahr herumfahren. Zudem verbrauchen wir Landwirtschaftsland im In- und Ausland, hinterlassen Dünger und Pestizide in der Umwelt und belasten damit die Gewässer. In vielen Anbaugebieten unserer Importländer herrscht zudem Wasserknappheit. Überdimensionierte Bewässerungssysteme haben weitreichende und teils unumkehrbare Folgen für die lokale Bevölkerung und die betroffenen Ökosysteme. Rund einen Drittel aller weltweiten Umweltbelastungen verursachen wir damit, unseren Hunger zu stillen.
Neben diesen ökologischen Aspekten ist es ein wirtschaftlicher Unsinn, so viele Lebensmittel wegzuwerfen. Wir investieren in der Schweiz mehrere Milliarden Franken in die Produktion von Lebensmitteln, die im Müll landen. Eine Summe, mit der wir viele andere Probleme lösen könnten.
Schliesslich verdienen unsere Lebensmittel wieder mehr Wertschätzung. Leute und Nutztiere haben sehr viel Zeit und Arbeit in die Produktion, die Verarbeitung und den Transport investiert. Es ist asozial, wenn wir die Produkte aus Bequemlichkeit einfach wegwerfen. Es ist auch ethisch absolut verwerflich, wenn wir bedenken, dass eine gesteigerte Nachfrage nach Lebensmitteln in den reichen Ländern die Weltmarktpreise in die Höhe treibt und so den Ärmsten dieser Welt den Zugang zu ausreichender Nahrung erschwert.
Es ist also ein ökologisch, wirtschaftlich, sozial und ethisch vierfacher Irrsinn, wenn wir ein Brötchen am zweiten Tag wegwerfen.
Übrigens: Ein leicht befeuchtetes und kurz aufgebackenes Brötchen schmeckt oft besser als ein frisches. Und somit wird der Verzicht auf übermässigen Konsum zu einem Gewinn an Lebensqualität.