Reta Caspar / Quelle: news.ch / Donnerstag, 24. Dezember 2015 / 07:52 h
Jedes Jahr die selbe Misere. Wohl schon ab September planen die Redaktionen verzweifelt ihre Weihnachtsausgabe und zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie sich dieses Jahr wieder durch das Nicht-Thema retten können: Schreiben über ein uraltes jahreszeitliches Fest, das in unseren Breitengraden von der Staatsreligion des Christentums zu ihrer Geburtsfeier umdefiniert und im Kalender festgeschrieben wurde, also solche aber für die grosse Mehrheit nicht mehr relevant ist. Entsprechend dann die theologischen Ergüsse, hilflosen Passanten- oder Politikerumfragen, Rückfragen bei den immer gleichen Kirchen-«Experten» und mehr oder weniger pastoralen Editorials - Mediengrippe eben.
So mahnt dieses Jahr Inlandredaktor und Historiker Pascal Hollenstein in der NZZ am Sonntag reichlich anachronistisch: «Das Fest Christi Geburt droht in seinem Kern ausgehöhlt zu werden», und im Sonntagsblick jammert Chefredaktorin und ehemalige Club-Moderatorin Christine Maier: «Warum stehen wir immer weniger zu unserer christlichen Tradition?» um anschliessend Pedro Lenz in der gleichen Ausgabe zu zitieren: «Eine Wertedebatte ohne Werte wird schwierig zu führen sein.» In der Sonntagszeitung wird immerhin der Religionssoziologe Jörg Stolz zur Relevanz der Religion im Land interviewt und schreibt Chefredaktor und Volkswirtschafter Arthur Rutishauser, dass wir uns genau überlegen müssen, «wie wir mit Religionen, der eigenen christlichen und der eingewanderten muslimischen, umgehen wollen. Mit dem Ziel, dass die Nachrichten darüber möglichst langweilig bleiben.» Dem letzten Satz ist zuzustimmen. Die zunehmende Distanzierung der Menschen von der organisierten Religion und das gelangweilte Desinteresse an alten Mythen kann eine Chance sein für unsere multikulturelle Gesellschaft: Leben und leben lassen, glauben (oder nicht) und (nicht) glauben lassen. Das politische und mediale Pochen auf christlich-abendländischen Werten hingegen wirkt reaktionär und stärkt die entsprechenden ewiggestrigen Kreise.
Die Medienkonsumenten wissen aber um die saisonale Mediengrippe, sehen mehrheitlich drüber hinweg und konzentrieren sich auf die Wetterprognosen, die diesmal einheitlich keine weisse Weihnachten prophezeien. Denn wir alle wissen, Weihnachten handelt eigentlich vom Wetter, vom Winterwetter.
Seit 1948 ein Grund im Dezember zu feiern: Universelle Erklärung der Menschenrechte. /


Das Fest ist ein gesellschaftliches Aufbäumen gegen die Widrigkeiten des Winters, gegen Dunkelheit und Kälte, die zum Rückzug in die eigenen Wände verleiten. An Weihnachten werden deshalb Feuer angezündet, Menschen laden einander ein, essen und trinken gemeinsam und vertreiben sich die rauen Nächte mit geselligem Zusammensein. Und deshalb lautet auch jedes Jahr die Hauptfrage: Werden die Nächte diesmal so romantisch und klirrend kalt sein, wird sich die nostalgische Szenerie aus dem Bilderbuch vor unserer Haustür einstellen, oder müssen wir uns mit entsprechendem Filmmaterial begnügen?
Aber mal ehrlich - eigentlich sind wir längst erwachsen geworden und verstehen die Geschichte unserer Evolution: Kooperation hat uns Primaten zu Menschen gemacht und es uns ermöglicht, zu Forschenden zu werden. Menschengemachte Technik - nicht die Geburt eines Heilands - hat uns von den Schrecken des Winters erlöst. Und menschengemachte Regeln des Zusammenlebens - nicht die diversen «heiligen Bücher» - werden uns angesichts der Herausforderungen einer Weltgemeinschaft weiterbringen.
Die wahre frohe Botschaft lautet nämlich: Es begab sich am 10. Dezember 1948, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte genehmigte und verkündete «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren». Die Menschenrechtserklärung und unsere Verfassung sind die grossen, von Menschen verfassten Texte, nach denen wir heute leben, sie kondensieren unsere Erfahrungen als Gemeinschaft: Sie verkörpern unsere Werte - nicht perfekt und nicht auf ewig in Stein gemeisselt, aber nur mit guten Begründungen zu verändern.
In diesem Sinne: Frohe Festtage und gute Evolution!