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«Laut «Nein» zu sagen, hilft immer»

Die Berner Politologin Regula Stämpfli gilt in der schweizerischen Polit- und Medienszene als kämpferische Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um gesellschaftliche Entwicklungen und politische Irrungen und Wirrungen geht.

et / Quelle: news.ch / Mittwoch, 3. Februar 2010 / 12:00 h

Sie wird in Zukunft auf news.ch unter dem Header «Stämpflis Dschungelbuch» am Mittwoch eine wöchentliche Kolumne verfassen. Und mit ihrer scharf geschliffenen Tastatur (es heisst, man könne damit Sushi schneiden) all jene Dinge und die politischen und gesellschaftlichen Exponenten sezieren, die ihr in der Woche zuvor aufgefallen sind. Im folgenden Interview unseres Kolumnisten Patrik Etschmayer mit Regula Stämpfli geht es zwar nicht um Gott und die Welt, dafür aber um die Menschen, die Schweiz und warum die Körbchengrösse an der Wahlkampffront nichts verloren haben.  

 

news.ch:

Frau Stämpfli, Sie gelten als scharfe Beobachterin der gesellschaftlichen Entwicklung. Gibt es Tendenzen in Europa, und speziell in der Schweiz, die sie beunruhigen?

 

Stämpfli:

Wie viel Platz haben wir? (lacht) Die letzten zehn Jahre haben unsere Wirtschaft, Kommunikation und Politik im Nanotempo verändert. Wir stehen vor Brüchen wie sie zum letzten Mal in dieser Schärfe in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auftauchten. Das allein ist beunruhigend. Konkret beschäftigt mich die Ungleichzeitigkeit von wirtschaftlicher und kommunikativer Revolution gegenüber der herkömmlichen Politik. Auf eine einfache Formel gebracht: Während wir ständig in Maschinen und Automaten-Denken investieren, werden menschliche Urteilskraft, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Demokratie sträflich vernachlässigt. Das führt an allen Ecken und Enden zu schon fast explosiven Situationen, wenn wir beispielsweise an die Schweiz und ihr politisches System denken.

 

news.ch:

Was wäre die Lösung oder zumindest ein Lösungsansatz? Müsste eine solche in der Verfassung gepflanzt werden? Oder in einer Reformierung des Bildungswesens? Oder kann ein Land überhaupt alleine eine Lösung anstreben? Die Problematik scheint ja – zumindest im westlichen Kulturkreis – umfassend zu sein.

 

Stämpfli:

Hey, hey! Ich finde es eigentlich doof, dass man nicht mehr analysieren und kritisieren darf, ohne grad alles besser zu machen. Schon das ist systemimmanentes Denken. Aber weil Sie es sind (lacht), hier ein paar Actions: Laut «Nein» zu sagen, hilft immer (als Eltern, als Bürgerinnen, als Leserbrief-Schreibende, als Beamtin, als Mitredende, als Lehrende etc.). Die Schweiz ist ein dermassen kleines Land. Lokal handeln und global denken. Eine Freundin von mir hat beispielsweise mal H&M mit drei Freundinnen dazu gebracht, die Stringtangas für 4-Jährige aus dem Sortiment zu nehmen. Die Zeitungen berichteten, H&M ist sensibilisiert und die Frauen haben eine neue aktive Frauengruppe. Das passiert überall. Punkto Minarett-Plakate hätte auch ein kollektives Gelächter genützt. Zuerst brauchen wir Menschen. Konkret. Zusammen. In den Blogs, in Facebook und dann auf der Strasse. Dann braucht es keine Verfassungsänderung (lacht). Es passiert schon ziemlich viel und ich bin optimistisch, dass viele kleine Aktionen in den nächsten Monaten und Jahren echt grosse Veränderungen bringen. Auch in der EU ist dies momentan der Fall, wo die direkte Demokratie auch schon viel näher ist, als noch vor einem Jahr. Dies, weil sich eben reale Menschen für konkrete Themen zusammenfinden und dies auch öffentlich kundtun. Punkto Nationalfonds und Unis könnte man von einem Tag auf den anderen die Prioritäten ändern. Zudem: Auch in der EU passiert diesbezüglich grad viel momentan. Da werden Rankings endlich auf den Hintern gestellt und die Pharma-Industrie zurückgebunden. Also: Move people, move!

Die Körbchengrösse wird zur demokratischen Wahlkategorie

news.ch:

Es wird von einer Pornographisierung und Sexualisierung der Gesellschaft gesprochen. Ist dies wirklich so oder ist das einfach die Reaktion auf eine ständig fortschreitende, grössere Freizügigkeit, die jeweils bei der älteren Generation Empörung hervorruft? Gibt es überhaupt ein «Richtiges Mass», was diese Dinge betrifft?

 

Stämpfli:

Selbstverständlich muss es Grenzen gegen die Pornographisierung des Alltags geben. Es geht schliesslich um unser Menschenbild und nicht einfach um Meinungsfreiheit. Porno hat mit Sex wenig, dafür vor allem mit Macht zu tun. Wenn wir Erotik und Sexualität durch Porno umdefinieren, definieren wir auch unser Menschenbild um. Dann sind wir nicht nur punkto Intimität rammelnde Automaten, sondern auch in der Politik werden die Menschen mehr und mehr auf ihre Materie reduziert. Wir sahen das beste Beispiel davon im beschaulichen Kanton Bern als zwei FDP- Kandidatinnen mit «4 Brüste für ein Halleluja» in den Wahlkampf zogen. Die Körbchengrösse wird damit zur demokratischen Wahlkategorie..., was die Demokratie völlig auf den Kopf, respektive auf die sekundären Geschlechtsmerkmale stellt.

 

news.ch:

Besteht das Problem denn nicht auch darin, dass sich in den letzten zwanzig Jahren der Massstab darüber, was in Ordnung ist, sich massiv verschob? Die Jugend suchte schon immer nach Möglichkeiten zu rebellieren – und die immer tolerantere Gesellschaft hat eine scheinbar immer höhere Reizschwelle, bis etwas als Rebellion und nicht einfach ein Mödeli angeschaut wird.

 

Stämpfli:

Nein. Sie unterschätzen die Jugend, die so als Kategorie eh nicht existiert. Vielleicht aber analysieren Sie auch nur die Schweizer Jugend, die mir eh als Wahl-Französin und Fast-Belgierin sowie «britisierte» Familienfrau im Vergleich sehr schräg einfährt. Die Jungs und Mädels, die ich in den diversen Aufgaben und Foren vorfinde, sowie meine zuhause haben viel klarere Masstäbe als viele meiner gleichaltrigen Beliebigkeitsignoranten. Die konservative Rebellion der Jugend ist ein ästhetisches Phänomen, von vielen deutschen und schweizerischen Medien ständig diskutiert, nicht aber ein inhaltliches, Göttin sei Dank (lacht wiederum).

 

news.ch:

Stichwort Clash of Civilizations: Wie kann sich der Westen gegen den Islam behaupten, ohne seine eigenen Errungenschaften zu gefährden? Freiheit mit dem Verlust von Freiheit zu sichern ist ja eine Absurdität.



Regula Stämpfli in ihrem Heim in Brüssel / Foto: Miguel Gonzales

Siehe Minarettabstimmung.

 

Stämpfli:

Indem dieser unselige Kulturkampfbegriff zugunsten echter politischer Kategorien aufgegeben wird. Schauen wir mal hin. Wer oder was hat unser westliches Wertesystem von Wohlstand und Demokratie in den letzten paar Jahren massiv gefährdet? Erstens wir selber, indem unselige kulturrelativistische Urteile «Ehrenmord» als Totschlag und nicht als klassisches Verbrechen geahndet haben und zweitens durch die Spekulation der multinationalen Grossbanken, die uns an den Rande des Zusammenbruchs führten. Das gilt es endlich zu diskutieren. Nicht in erster Linie, dass die islamistischen Verbrecher unsere klassische Demokratie und unsere Wertegesellschaft gefährden, sondern dass wir selber Gefahr laufen durch mangelnden politischen Verstand und eben die Grossfinanz mit ihren Mechanismen, staatliches Recht zu diktieren, die Demokratie ausser Kraft zu setzen.

 

news.ch:

Muss die Demokratie denn zurück erobert werden? Die SVP würde ja behaupten, dass sie die einzige wahre demokratische Bewegung in der Schweiz sei, da sie ihre Legitimation ja grösstenteils durch Initiativen und Volksabstimmungen bezieht. Oder anders gefragt: Was sollen die anderen Parteien denn machen, um nicht von der SVP durchs Dorf getrieben zu werden?

 

Stämpfli:

Indem sie Freundschaften und Anerkennung für Menschen bieten. Menschen mögen Menschen, die weiter denken als über den sogenannten Realismus hinaus. Das Problem der Nicht-SVP-Parteien sind manchmal die Menschen in diesen Parteien. Sie haben vergessen, wie es ist, zu feiern, zu lachen, gut gemeinsam zu essen, sich die Köpfe einzuschlagen, aber zu wissen, wo man steht. Tragisch ist, dass grad die Linken manchmal untereinander soviel Energie auf gegenseitigen Neid und Missgunst aufwenden, dass sie vor lauter Streit den Aufstieg der Rechtspopulisten erst recht ermöglichen.

 

news.ch:

Auch innerhalb der westlichen Kultur herrscht seit einiger Zeit ein neuer Kulturstreit: Naturwissenschaftler dringen dank der Fortschritte in der Neurologie, Genetik und Molekularbiologie immer tiefer in die Domänen der Geisteswissenschaften vor. Ist es möglich, dass aus diesem momentanen Kampf irgendwann eine fruchtbare Symbiose hervorgeht oder wird die Philosophie auf akademischem Niveau irgendwann verdrängt?

 

Stämpfli:

Sie ist es schon. Auch hier bahnt sich eine Revolution und eine Neudefinition des Menschenbildes und damit des politischen Systems an. Der Verdinglichung aller menschlicher Zusammenhänge müssen unbedingt bessere Forschungsanreize entgegengesetzt werden. Sprich: In jedem Forschungsprojekt sollten dringend Kultur - Denken, Reden, Handeln - und Natur – Zählen, Messen, Materie - (entscheidendes Wort und) im Zusammenspiel überdacht werden. Doch solange auch der Schweizerische Nationalfonds falsche Kategorien, falsche Zusammenhänge sowie Zählen statt Denken unterstützt, fährt der Wissenschaftskarren in den Mist. Bestes Beispiel dafür ist die Schönheitsstudie des Nationalfondsprojekts zur Wahlforschung, sinnigerweise «Selects» genannt. Da wird «schön» für eine äusserst hässliche und demokratiefeindliche Forschung kategorisiert und mit Hunderttausenden von Franken finanziert. Mit akademischer Freiheit und Denken hat dies nichts mehr zu tun.

Vielfalt ist gefragt

news.ch:

Wäre es also die wahre Herausforderung, zu zeigen, dass der Mensch zwar ein Wesen ist, dass in die «wissenschaftliche» Welt eingebunden ist, aber auch eines, dass die Grenzen von dieser mit seiner Kultur, seinem phantasievollen Handeln erweitern und vor allem Einblicke in den Sinn der eigenen Existenz in diesem Rahmen finden kann? Was wären die Anforderungen an Professoren, die so etwas lehren könnten?

 

Stämpfli:

Klug- und Weisheit (lacht). Menschliche Grösse und Charisma. Weshalb nicht mehr Austausch zwischen Uni und Gesellschaft? Das gäbe Praxis, Vorbilder und Leben in und an der Uni. Sie, lieber Herr Etschmayer sollten schon längst mal einen Uni-Kolumnenkurs in St. Gallen halten! Zur Forschung: Keine fixen Menschenbilder! Vielfalt ist gefragt. Und nicht einfach Fachidioten.

 

news.ch:

Apropros (Fach)-Idioten. Was stimmt nicht mit unseren Politikern? Oder ist es einfach die Regel, dass man immer glaubt, im Zeitalter der lausigsten Politiker zu Leben und es einfach immer einen bestimmten Typ Menschen in die Politik zieht?

 

Stämpfli:

Letzteres erkennen Sie hervorragend. Wir haben es mehr und mehr mit einer Sorte Politiker und Politikerinnen zu tun, die exakt der technokratischen Herrschaft von Max Weber entsprechen. Das heisst, nicht mehr Gestaltung wird von Grossfinanz und Wissenschaftsmacht verlangt, sondern Verwaltung von Einzelinteressen. Früher mussten die Lobbyisten noch illegal Geld für einzelne Gesetzesvorhaben verschieben (siehe deutsche Spendenaffären), heute schreiben sie grad selber Gesetze (siehe FDP-Deutschland mit dem Mehrwertsteuerbeschluss für die Hotellerie). Dass da nur eine bestimmte Westerwellenart zum Zuge kommt, ist schon fast selbstverständlich....

 

news.ch:

Und wie können wir diese Westerwellenreiter los werden? Der Haken ist ja auch, dass das, was auf der rechten Seite korrupt scheint, auf der linken Seite mit realitätsfernen Sozialismusvisionen aufgewogen wird (siehe das immer noch gültige Parteiprogramm der SPS). Wo sind die Leute mit Problembewusstsein, Tat- und Überzeugungskraft. Sind die alle von der Wirtschaft absorbiert worden, weil sie in der Politik keine Chancen für sich sehen?

 

Stämpfli:

Uff, wir sind die Menschen! Bei der Minarett-Initiative waren «wir» sogar 43% (muss wieder lachen). Wir kriegen andere Politisierende, wenn wir auch laut und deutlich «andere» Politiken fordern. Mit der Macht des Denkens, des Sprechens, des Zeigens und des Handelns. Westerwelle ist ein deutsches Hausprodukt, genauso wie Mörgeli ein schweizerisches ist. Das «Made in Germany» und «Made in Switzerland» braucht also wieder etwas mehr Handwerk und Qualität. Das liegt aber an uns und an der herrschenden Machtverteilung. Und daran, dass wir eben wirklich gegen diese Beliebigkeit ankämpfen. Hey Leute, nicht alles ist gleich-gültig, gleich-wertig, sorry!

 

news.ch:

Was motiviert sie, eine Kolumne für news.ch zu schreiben?

 

Stämpfli:

Weshalb schreibe ich für news.ch? Weshalb ich immer schreibe: Für die Menschen. news.ch hat spannende Leserinnen und Leser, da läuft immer was punkto Feedback - und engagierte Macher und Macherinnen. Das ist mehr als die meisten Journis erleben! Was braucht es da noch mehr als Motivation?

 

Und zum Schluss 5 dumme Fragen:

news.ch:

Würden Sie ihrer Lebensdauer ein Jahr hinzufügen, wenn es bedeutete, dass sie ein Jahr vom Leben einer anderen Person wegnehmen würden? Gut - und wenn die andere Person Jürg Marquart wäre?

Stämpfli:

Hä? Ich lebe immer nur im Moment und solche Tauschaktionen erinnern mich zu sehr an Goethe, wobei ich eben kein Faust oder gar Mephisto bin.

news.ch:

Wenn Sie glauben würden, dass mit der Amputation ihrer Lippen dem Erschlagen von Baby-Robben ein Ende gesetzt würde, würden sie einen Psychiater aufsuchen?

Stämpfli:

Klar, wenn die Sonne sich um die Erde dreht.

news.ch:

Wären Sie lieber dumm oder hässlich?

Stämpfli:

Was soll der Konjunktiv? Beides führt ja heute sehr oft zu einer glänzenden Medienkarriere...

news.ch:

Wenn sie die Grenzen des Landes in dem Sie leben neu zeichnen könnten, welche Form hätte es?

Stämpfli:

Sähe aus wie ein schmelzendes Raclette.

news.ch:

Wenn Sie wählen könnten: Wären Sie lieber sie selbst oder jemand anderes genau wie Sie?

Stämpfli:

Ich kann wählen und glücklicherweise gibt es mich nur einmal. Ich plädiere in der Demokratie nie für Identität, sondern für Repräsentativität.
 

news.ch:

Frau Stämpfli, ich danke Ihnen für das Gespräch und freue mich auf ihre Kolumnen!

 




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