Verbunden ist sie mit einem Medienspektakel sondergleichen. 2'000 Journalisten umlagern die Unglücksmine und sorgen weltweit für Titel- und Schlagzeilen über die per Live-Stream übertragene Rettungsaktion. «Der Rummel ist für die Bergleute jedoch zweischneidig», warnt Cornel Binder-Krieglstein vom österreichischen Psychologenverband.
«Wüsste niemand von den Verschütteten, hätte ihnen niemand geholfen», betont der Psychologe. Erst dank der internationalen Aufmerksamkeit lieferte etwa die NASA ihr Know-how für die Betreuung der Verschütteten und ihre Angehörigen, deutsche Firmen Bohrtechnik oder österreichische das Stahlseil zur Bergung. Als Kehrseite des Interesses sieht Binder-Krieglstein die erschwerte Verarbeitung des Geschehenen. «Die Geretteten und ihre Familien brauchen Ruhe und Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten. Die vielen Interviews und die fehlende Sensiblität mancher Journalisten drohen dies zu verhindern.»
Gefahr auf dem Sofa miterleben
Was die ganze Welt derart in Bann zieht, ist das Miterleben einer derart kniffligen Bedrohung. «Schliesslich ist das Leben unser wichtigstes Gut», so der Psychologe. Viele wollen mitfiebern und wünschen den Bergleuten das beste, doch steckt hinter dem Informationsbedürfnis durchaus auch Voyeurismus.
Die Rettung läuft - wohl auch dank der internationalen Hilfe - bisher äusserst glücklich. /


«Sollte etwas passieren, ist man bei derartigen Vorfällen auf dem Fernsehsofa immer auf der sicheren Seite», so Binder-Krieglstein. Das Miterleben diene jedoch auch dazu, eigene Probleme zu relativeren - wie etwa schlechte Schulnoten der Kinder.
Für das Land Chile hat die Rettung auch eine politische Note. Nicht nur am Ort der Bohrung, sondern auch im Gruppenraum im Stollen dominiert eine grosse Staatsfahne das Bild, zudem war Chiles Präsident Sebastian Pinera einer der Hauptakteure vor den Kameras. «Es könnte durchaus sein, dass vieles aus politischem Kalkül geschieht - als Versuch des Landes, aus seiner Hilflosigkeit herauszukommen und sich selbst neu zu definieren», so Binder-Krieglstein. Doch selbst sämtliche europäischen Staatsoberhäupter nahmen Stellung, gratulierten und bezeichneten den Vorfall als «Heldentat» und «modernes Wunder».
Zurück in den Berg oder Angst im Lift
Tatsächlich verläuft die Rettung - wohl auch dank der internationalen Hilfe - bisher äusserst glücklich. Hochriskante Momente wurden gut gemeistert, zu denen Binder-Krieglstein die Errichtung der Versorgungsleitung, des Bergestollens und die Rettung selbst zählt. Besonders wichtig war jedoch, dass die verschütteten Bergarbeiter eine positive Gruppendynamik aufrecht erhielten, wodurch ihre Lage erst stabil wurde. Traumaexperten haben bereits zuvor die allgemein hohe Solidarität unter Bergleuten als wichtigste Ressource der Eingeschlossenen bezeichnet.
Wie es für die Geretteten nun weitergeht, hängt sehr von ihrer persönlichen Struktur ab, so der Experte. «Manche könnten soweit sein, dass sie nach diesem Vorfall nun alles glauben auszuhalten - sogar eine Rückkehr ins Bergwerk. Manche könnten schon Probleme damit haben, einen Lift zu benutzen.» Die Verarbeitung des Geschehens setze erst jetzt ein, und post-traumatische Erscheinungen seien vorprogrammiert. «Die langfristigen Belastungen kommen erst», betont Binder-Krieglstein.