Patrik Etschmayer / Quelle: news.ch / Dienstag, 24. Februar 2015 / 16:38 h
Sepp Blatter musste sich - vermutlich eines der ersten Male in seinem Leben - der Realität beugen: Eine Fussball-WM im Sommerlichen Katar kann, da mögen noch sie viele Motivations-Dollars fliessen - nicht im Sommer stattfinden. Denn es mag zwar möglich sein, mit immensem Aufwand einige Stadien zu klimatisieren, doch sobald es ans Feiern auf die Strassen ginge würden die Fans - auch mit unbeschränkten Mineralwasser-Vorräten - bei den dort herrschenden 50° Celsius wie die Fliegen im Herbst dahin sterben.
In etwa so, wie die Bauarbeiter, welche derzeit die Stadien in dem Golf-Emirat hochziehen. Doch bei der WM würde man vermutlich wesentlich genauer erfahren, um wie viele Tote es sich handelt, da diese WM-Gäste auch Rückflugtickets hätten.
Sepp-Blatter: Präzedenzfall für Winter-WM geschaffen? /


Und das wäre dann für die FIFA doch noch unangenehmer, als sich den Zorn aller Fussballverbände zuzuziehen, die jetzt ihre ganzen Kalender umstellen müssen, um diese absurden WM-Termin zu ermöglichen.
So muss Blatter denn mit einigen Schadenersatzklagen für entgangene Einnahmen aus Übertragungsrechten (zum Beispiel der «Boxing-Day-Matches» der englischen Premier-League) rechnen und daraus, dass verkürzte Spiel-Saisons notwendig werden, um der WM-Endrunde Platz zu machen.
Auch die ganzen Public-Viewing Installationen, die bei uns an Fussball-Grossanlässen wie Pilze nach einem warmen Frühlingsregen aus dem Boden schiessen, dürften in knapp acht Jahren eher die Ausnahme als die Regel sein, wenn das Wetter jahreszeitgerecht und nicht wie im vergangenen Spätherbst stattfindet, wo es ja möglich war, im Dezember noch Erdbeeren zu pflücken. Dann wäre es sogar durchaus Opportun, diese in Weihnachtsmärkten zu integrieren, die ja oft an den gleichen Plätzen zum öffentlich Zelebrierten Alkoholismus (zwar mit Glühwein statt mit Bier) animieren.
Überlegt man sich dies, keimt in einem plötzlich ein schrecklicher Verdacht: Qatar 2022 ist womöglich gar nicht Blatters Waterloo sondern sein Austerlitz. Was, wenn der Walliser Fussball-Napoleon schon von Anfang an damit gerechnet hat, dass dank eines zwar unberechenbaren aber doch stetigen Klimawandels sich der echte Winter langsam aus den mittleren Breiten verabschiedet oder erst lange nach der Wintersonnenwende bei uns auftaucht?
Dann wäre die WM in Qatar nicht die von allen erwartete Fussball-Freakshow, sondern der Beginn einer neuen Tradition. Denn sollte es dereinst bei uns im Sommer zu warm für den Outdoor-Genuss von Fussball und Grillwürstchen werden, würde nicht nur in Qatar das ewige Flutlicht entzündet werden, sondern auch auf dem Rest der Nordhalbkugel die Fussballhauptsaison in jene Jahreszeit geschoben, in der die Erdachse jene Hemisphäre eher von der Sonne wegneigt.
Ja, sind wir doch ehrlich: Das ganze Skandalgerede, die ganze Korruption und die ganzen Gerüchte über diese WM waren womöglich nicht das Sperrfeuer, das Blatter schwächte, sondern einzig die Ablenkung davon, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wird, für eine Winter-WM, die dereinst an Heiligabend ihr Finale finden soll mit einem Coca-Cola-Weihnachtsmann, der mit einem Rentier-Schlitten den Rot-Weissen Ball zum Anstoss des Endspiels in das Stadion bringt.
Humbug? Paranoia? Mag sein. Doch wer sich überlegt, zu welcher Jahreszeit am meisten Geld ausgegeben wird und an welchem Abend zum Verhüten von Familiendramen der grösste Bedarf nach einem TV-Erlebnis besteht, dass möglichst viele Leute von ihren Angehörigen und deren Schrullen ablenkt muss zugeben: Die Winter-Kicker scheinen, je länger man darüber nachdenkt, weniger eine Katastrophe für Blatter als ein eiskaltes Kalkül des Fussball-Moguls aus dem Wallis zu sein, der damit die Dominanz über das ganze Sportjahr erringen will.