jz / Quelle: news.ch / Montag, 1. Februar 2016 / 18:15 h
In meiner Kindheit (Jg. 1972) verstand man unter Sport vor allem Fussball, Turnen oder Skifahren. Sie galten als Nebensächlichkeiten wie Autowaschen; deshalb befassten sich die Medien auch mit wichtigeren Themen.
Rollschuhe oder Rollbretter waren in der Welt von damals Kinderspielzeug, ja selbst Fahrrad fuhr der erwachsene Mann in der analogen Welt nur, wenn sein Auto in der Garage war oder er seinen Führerschein abgeben musste.
In der digitalen Welt gab es keinen Grund erwachsen zu werden, dem Ernst des Lebens zu begegnen, wenn die neue Welt so viel mehr Spass bot. So entwickelte meine Generation einfach die Lieblingsspielsachen ihrer Kindheit weiter und erklärte sie zum Lebensstil. Aus dem Rollbrett wurde das Skateboard, aus den Rollschuhen Inlineskates, aus dem Raleigh-Bike das BMX-Velo, etc. Dazu gab's das passende Videospiel, Kleidung, Merchandise, etc.
Statt die Karriereleiter rauf zu buckeln, stürzte meine Generation lieber eine Buckelpiste runter; wer will schon rauf, wenn es abwärts mehr Spass macht.
Collage von Magazinen aus den 90er Jahren. /


Statt den goldenen Boden im Handwerk zu suchen, fanden wir das Glück auf Bretter aller Art, mit oder ohne Rollen, mit Schnee oder ohne Wasser. Während unsere Ahnen noch auf den ehrlichen Schweiss ihrer Arbeit stolz waren, schwitzte meine Generation lieber in der Freizeit und multiplizierte die Leistungsgrenzen mit dem Spassfaktor.
Der Adrenalin-Rausch wurde in den 90er Jahren zum spirituellen Erlebnis hoch stilisiert, der Ritt auf der tödlichen Welle zum ultimativen Thrill. Niemand warnte uns vor den Folgen.
Für unzählige Funsportler wurde der Kick zum finalen Erlebnis, die unendliche Freiheit eines verschneiten Hanges innert Sekunden zum ewigen Gefängnis in Eis und Schnee. Adrenalin ist wahrscheinlich jene Droge, die mehr Todesopfer auf dem Gewissen hat als alle illegalen Substanzen zusammen.
Wer's überlebt hat, leidet. Kaum ein mir bekannter Snöber, Surfer, Biker, Boarder, der nicht von der modernen Unfallchirurgie zusammengehalten wird und unter körperlichen Einschränkungen oder Schmerzen klagt. Ob Schrauben, Platten, künstliche Gelenke oder Transplantate: Die Krankengeschichte vieler Extremsportler liest sich wie das Folterhandbuch der CIA.
Ich find's nicht nur deshalb traurig, wenn ein 45-jähriger Cool-Daddy mit Unterlippenbärtchen immer noch Baggy-Pants, Sneakers und Zimtstern-Kappe trägt und seit 25 Jahren glaubt, dass man nie zu alt dafür ist, jung zu bleiben.