In den 1970er Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Öl und Macht nachhaltig verändert.
Im Jahr 1973 schreckte der Westen zum ersten Mal auf, als die arabischen Mitgliedsstaaten der OPEC als Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg einen Lieferboykott durchsetzten und so die erste Ölkrise provozierten. Sechs Jahre später führte die Revolution im Iran zu einer zweiten Ölkrise.
Es schien, als würden die aussenpolitischen und wirtschaftlichen Interessen fortan und auf ewig eng miteinander verwoben bleiben.
Ein drastischer Preisverfall beim Öl könnte dem Westen helfen, alte Rechnungen zu begleichen. /


Die meisten Industriestaaten rangen immer wieder mit sich und stellten sich schliesslich doch auf die Seite der Öllieferanten, allzeit bereit, bei ideologischen Differenzen lieber ein Auge zuzudrücken oder in Ausnahmefällen sogar in den Krieg zu ziehen - so verzweifelt waren sie, sich Zugang zu fossilen Brennstoffen zu sichern.
Nun nähert sich diese allzu bekannte Situation und zwar rasant.
In den USA wird durch den anhaltenden Schieferöl-Boom die Hierarchie der Ölproduktion seit Jahren fast unmerklich umgeschrieben; der weltweit grösste Ölverbraucher hat sich in den wichtigsten Produzenten des Rohstoffs verwandelt, so die Internationale Energieagentur IEA.
Fügen wir diesem Durcheinander noch das langsamere Wachstum in China bei - sowie neu entdecktes Öl an anderen Orten der Welt - und flugs fällt der Preis für ein Fass Rohöl allein in der zweiten Jahreshälfte 2014 um 30 Prozent.
Während die Preisschwankungen rasch und plötzlich sein mögen, könnten die Auswirkungen eines energieunabhängigen Amerikas noch jahrelang fortbestehen und das traditionelle Machtgefüge verändern, nun da Engagement und Abhängigkeit der Nation gegenüber dem ölreichen, in Schieflage geratenen Nahen Osten abnehmen.
Was noch mehr ins Gewicht fällt: Ein drastischer Preisverfall beim Öl könnte dem Westen bereits heute helfen, morgen alte Rechnungen zu begleichen, ohne dabei die üblichen anderen Strafmassnahmen anwenden zu müssen - beispielsweise Sanktionen für Schurkenstaaten wie Iran und Russland - und so Muster internationaler Diplomatie durchbrechen und uns auf neue Wege führen.
Wieso das? Bei einem Ölpreis von unter 100 Dollar je Fass ist der Preis effektiver als jedes Embargo.
Mit einem Haushaltsplan, der auf schätzungsweise 135 Dollar pro Fass Rohöl basiert, gehen Experten davon aus, dass der niedrige Ölpreis 2014 Teherans Finanzpläne wohl gänzlich über den Haufen geworfen hat.
Nachdem das Land vom Handel mit anderen wichtigen Märkten ausgeschlossen ist und Refinanzierungsmöglichkeiten mit dem Dollar nicht möglich sind, hat der sinkende Wert des wichtigsten Exportguts des Landes das Potenzial, die Stabilität des aktuellen Regimes zu schwächen und Hassan Rohanis Versprechen zu gefährden, für die junge Bevölkerung des Landes Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen.
In Russland, wo man Berichten zufolge im Haushaltsplan 2014 mit einem durchschnittlichen Preis von etwa 100 Dollar pro Fass rechnet, wird der niedrigere Preis einer Volkswirtschaft weiteren Schaden zufügen, die aufgrund der Sanktionen - ausgelöst durch den Einfall in der Ukraine - bereits kurz vor einer Rezession steht.
Der Rubel wird nicht länger künstlich gestützt und auch Devisenreserven können nicht eingesetzt werden, um die Differenz auszugleichen, ohne gleichzeitig eine Steigerung bei den Verbraucherpreisen auszulösen, die bereits den höchsten Stand seit drei Jahren erreicht haben.
Ein gesunkener Ölpreis wird nicht alle Autokratien der Welt auf einen Schlag zu Fall bringen. Doch 2015 beginnt eine neue Ära: Den USA wird durch das Öl zu neuem Wohlstand verholfen, während sich gleichzeitig das Kräftegleichgewicht auf dem Planeten verschiebt.
Die OPEC, deren Einfluss seit Jahren schwindet, verliert weiter an Relevanz. Öl wird wieder im grösseren Masse verfügbar sein und umweltfreundlichere Fördertechniken werden genug ausgereift sein, um sich mit den Kohlenwasserstoffen einen harten Wettkampf zu liefern.
Sollten sich die Dinge so entwickeln, könnte ein Zeitalter folgen, in dem unsere Öl-Paranoia bald ein Ende findet.