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Kolumne


Die Grosse Unordnung

Peter Achten Peking / Montag, 23. Mai 2016

Zum 50. Mal jährt sich im Mai der Beginn der chinesischen «Grossen Proletarischen Kulturrevolution». Das Chaos dauerte zehn Jahre. Mit tragischen Folgen. Der Tod des «Grossen Steuermanns» Mao Dsedong am 9. September 1976 besiegelte das Schicksal der Kulturrevolution. Wenig später wurde die Viererbande mit Maos Frau Jiang Qing an der Spitze verhaftet. Die Volksrepublik China war nicht wieder zu erkennen. Das Land hatte sozial, ökonomisch und politisch schwer gelitten. Nichts war mehr wie früher. «Grosses Chaos erzeugt grosse Ordnung» - das hatte Utopist Mao einst deklariert, und vor allem die Jungen glaubten dem Halbgott.

Verlust des moralischen Kompass

Das Resultat seiner am 16. Mai 1966 von ihm zur persönlichen Machterhaltung entfachten «Grossen proletarischen Kulturrevolution» war die grosse Unordnung. Nach offiziellen Zahlen verloren 1,7 Millionen Menschen das Leben. Zig Millionen wurden gedemütigt, gefoltert, ins Gefängnis gesteckt. Zehntausende schieden freiwillig aus dem Leben. Unschätzbare Kulturgüter wurden vernichtet. Buddhistische und daoistische Klöster, sowie christliche Kirchen wurden abgerissen oder zu Lagerräumen oder Fabriken umfunktioniert. Bibliotheken wurden dem Erdboden gleichgemacht. Bücher endeten auf dem Scheiterhaufen. China wurde um zehn, zwanzig Jahre zurückgeworfen. Noch heute haben Chinesinnen und Chinesen an den Folgen zu tragen. Der moralische Kompass der Nation ging verloren.

«Eingeschlichene Feinde»

Mao wollte fast ein Jahrzehnt vor der Kulturrevolution bereits mit seinem «Grossen Sprung nach Vorn» (1958-61) eine seiner Utopien in der Wirklichkeit testen. Die imperialistischen Staaten England und Amerika sollten in einem Kraftakt eingeholt und überholt werden. Der Grosse Sprung endete in der Grossen Hungersnot. Nach Schätzungen verloren 30 bis 45 Millionen Menschen ihr Leben. Mao zog sich zurück, doch als er seine Macht schwinden sah, weil Pragmatiker wie Deng Xiaoping oder Staatspräsident Liu Shaoqi die Wirtschaft wieder ankurbelten, kam er zurück. Und wie. Zunächst machte er sich anfangs 1966 den Propaganda-Apparat gefügig. Dann liess er an einer erweiterten Sitzung des Politbüros am 16. Mai 1966 erneut den Klassenkampf ausrufen, allerdings diesmal gegen die «eingeschlichenen Feinde» innerhalb der Partei. Staatspräsident Liu Shaoqi wurde als «Kapitalist Nummer 1» ins Gefängnis geworfen, wo er später ohne ärztliche Hilfe elend zugrunde ging. Deng Xiaoping wurde als «Kapitalist Nummer 2» als einfacher Arbeiter nach Südchina verbannt. Andere hohe und höchste Funktionäre, Lehrer, Professoren, Künstler, Intellektuelle wurden an Massenveranstaltungen geschlagen, gedemütigt und zum Teil zu Tode geprügelt.

«Entfernt die bourgeoisen Feinde»

Am 26. Juli 1966 dann die Massenveranstaltung von einer Million Jugendlicher auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen. Mao gab den Schülern und Studenten, die sich zu «Roten Garden» formiert hatten, folgende Parole auf den Weg: «Entfernt die bourgeoisen Feinde aus der Partei!» - «Stürmt die Hauptquartiere!!». Die chinesische Jugend liess sich das nicht zweimal sagen. Überall im Land wurde Jagd auf Autoritäten gemacht. Schüler attackierten Lehrer, Studenten Professoren, kleine Parteikader grosse Parteikader. Schlimmer noch: Kinder verpfiffen Eltern. Schliesslich bekämpften sich im landesweiten Chaos verschiedene Fraktionen, jede noch Mao-treuer als die andere. Allein in der zentralchinesischen Stadt Wuhan bekämpften sich zum Beispiel 54 verschiedene Gruppen. In Peking griffen Studenten der Beida- Studenten der Tsinghua-Universität an. Mit Gewehren, Handgranaten, ja sogar Artillerie.

Xi im Schweinekoben

Diese chaotischen Verhältnisse wurden sogar Mao zuviel, obwohl er seinen jungen Anhängern noch Monate zuvor zurief, sie sollten «keine Angst vor dem grossen Chaos» haben. Er liess die Volksbefreiungsarmee intervenieren. Die «Roten Garden» wurden aufgelöst und «aufs Land heruntergeschickt». Dort sollten die städtischen Schüler und Studenten von den Bauern lernen. Der heutige Staats- und Parteichef Xi Jinping war unter ihnen und diente im Schweinekoben einer Volkskommune dem Volke. Xis Vater, zuvor stellvertretender Ministerpräsident unter Mao, wurde öffentlich an einer Volksversammlung zur Schnecke gemacht, geprügelt und gefoltert und später jahrelang ins Gefängnis gesteckt. Auch drei weiteren Mitgliedern des heutigen Ständigen Ausschusses des Politbüros - des siebenköpfign allmächtigen Gremiums der Volksrepublik - ging es wie Xi Jinping: Premier Li Kejiang, Ideologiechef Liu Yunshan und Disziplinarchef Wang Qishan «dienten dem Volke». Xis Halbschwester nahm sich das Leben, ebenso wie die Schwester von Yu Zhangsheng, ebenfalls Mitglied des heutigen Ständigen Politbüro-Ausschusses.

«Menschen sind nicht Gott»

Wenn westliche Kommentatoren heute Xi unterstellen, ähnliche Praktiken wie zur kulturrevolutionären Zeiten zu fördern, einschliesslich des Personenkultes, kennen sie ganz einfach die Fakten nicht. Xi Jinping hat zwar tatsächlich seit Machtantritt die Schraube angezogen und den von Reformübervater Deng als Reaktion auf die Kulturrevolution eingeführten kollektiven Führungsstil durch ein autoritäreres Modell ersetzt. Doch die Kritik an der Parteiführung ist in kleinem Rahmen explizit erlaubt und gefragt. Partei- und Regierungskader müssten zu Intellektuellen ein ausgewogenes gutes Verhältnis finden, sagt Xi: «Obwohl sie (die Intellektuellen) Vorurteile und falsche Informationen über Regierungs- und Parteipolitik haben, sollten Partei- und Regierungskader sie nicht verurteilen. Menschen sind nicht Gott. Unsere Meinung und unsere Kritik kann niemals 100 Prozent richtig sein». China ist zudem heute im Unterschied zur kulturrevolutionären Zeit nicht nach Aussen abgeschlossen. Das wenn auch überwachte und zum Teil zensierte Internet wird rege benutzt. Bald gibt es eine Milliarde mobile Telefone, und Millionen von Chinesen reisen ins Ausland.

Halbgott Mao

Zwei Jahre nach Beginn der Kulturrevolution hatte Mao sein Machtziel erreicht. Rund zwei Drittel des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas wurden ersetzt durch Mao-treue Ja-Sager. Mao, «Die Sonne des Ostens», erreichte den Status eine Halbgottes. Maos handverlesener Nachfolger Marschall Lin Biao intrigierte und soll einen Putsch vorbereitet haben. Anfangs der siebziger Jahre stürzte Lins Maschine - offenbar auf der Flucht in die Sowjetunion - in der Mongolei ab. Während der ganzen Zeit hielt der legendäre Premierminister Tschou En-lai das Land einigermassen zusammen und verhinderte noch Schlimmeres. Mit dem Tod Maos am 9. September war die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» am Ende. Deng Xiaoping übernahm und entfachte im Dezember 1978 die Wirtschaftsreform und Öffnung nach Aussen.

«Grosser Fehler»

Der Rest ist Geschichte. Könnte man meinen. Doch die Kulturrevolution ist bis auf den heutigen Tag noch nicht richtig verarbeitet. Allerdings ist sie in China nicht wir der «Grosse Sprung» und die Hungersnot sowie Tiananmen 1989 absolut tabu. Schriftsteller wie Yan Jianke, Ji Xianlin, Wang Meng, Zhang Jie und viele andere haben darüber vielgelesene Romane publiziert. Einige Täter haben sich auch entschuldigt, so zum Beispiel der Sohn der Revolutions-Legende Marschall Chen Yi, Chen Xiaolu, der 2013 bei seinen Lehrern für üble Attacken um Vergebung bat. Bereits 1981 hat das Zentralkomitee die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» als «Katastrophe», «Zeit des Chaos» und als «grossen Fehler» verurteilt. Die Viererbande, angeführt von Maos Frau Jiang Qing, habe «hinter dem Rücken Maos» agiert. Das Sprachrohr der Partei «Renmin Ribao» (Volkstageszeitung) hat Mitte Mai in einem Kommentar die Einschätzung von 1981 wiederholt.

Das ZK kam 1981 auch zum Schluss, dass Mao 70 Prozent Gutes und nur 30 Prozet Schlechtes zu verantworten habe. Reform-Architekt Deng Xiaoping sagt zwar, dass erst die Geschichte ein endgültiges Urteil abgeben werde, doch schränkt er ein, ohne Mao hätte es kein modernes China gegeben. Deng 1981 : «Mao zu diskreditieren würde bedeuten, unsere Partei und unseren Staat zu diskreditieren».

Verdrängung

Neben den materiellen und sozialen Schäden kam auch das Werte-System unter die Räder. In einer Gesellschaft, in der traditionell Intellektuelle hohes Ansehen geniessen, ging während der Kulturrevolution der moralische Kompass verloren. Noch heute wird um neue Werte gerungen, wie auch die von der Partei unterstütze Wiederbelebung der Lehren von Meister Kong (lateinisch: Konfuzius) zeigt. Doch das ist ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist und einer breiten Diskussion der neueren und neuesten Geschichte innerhalb Chinas bedarf. Viele meiner Generation angehörende Bekannten und Freunde in China reden nur ungern über jene chaotischen Jahre. Bei einigen weiss ich nicht einmal, ob sie Opfer oder Täter waren. Oder beides. Für die junge Generation dagegen ist Mao Dsedong inzwischen schon fast zu einer daoistischen Gottheit verkommen. Ausser als «Staatengründer» fehlt der politische Bezug. Die jungen Chinesinnen und Chinesen wollen Geld verdienen und suchen nach neuen Werten. Die Älteren und Alten schweigen oder trauern den alten, «besseren» Zeiten nach. Dieses Schweigen, diese Verdrängung erinnert mich an die Zeit nach dem II. Weltkrieg, als in Deutschland über die Zeit des Nationalsozialismus wenig bis gar nicht gesprochen wurde, und wenn, nur ausweichend und rechtfertigend.

Der «dritte Weg»

Auch westliche Intellektuelle meiner Generation müssen sich kritisch hinterfragen. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Für jene, die stramm antikommunistisch waren, gab es natürlich keine Probleme. Mao und die Kulturrevolution waren, wenn nicht des Teufels, so doch zumindest grundfalsch und kommunistisch. Diese Haltung blieb bis heute unverändert, trotz erfolgreicher chinesischer Wirtschaftsreform. Schliesslich sind die chinesischen Kommunisten ja nicht die besseren Kapitalisten.

Die bedingungslosen Linken wiederum jubelten Mao ebenso zu, wie sie ein Jahrzehnt später dem kambodschanischen Massenmörder Pol Pot applaudieren sollten. Für jene aber, die - wie Ihr Korrespondent - in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts politisiert wurden, war alles etwas komplizierter. Wir lasen eben nicht nur Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin und das kleine rote Buch von Mao sondern auch etwa Adam Smith, Max Weber, Karl Jaspers, Frantz Fanon sowie lateinamerikanische Befreiungstheologen wie Gustavo Gutierrez. Es war mit der Niederlage der französischen Kolonialisten in Dien Bienphu 1954 die Zeit der Vietnamesischen Unabhängigkeit sowie danach der algerische Unabhängigkeitskrieg und 1959 die kubanische Revolution. Kurz, wir Tiers-Mondistes begrüssten die Kulturrevolution vorsichtig als den «dritten Weg» zwischen Kapitalismus und Sowjetkommunismus. Wie sich bald herausstellen sollte, gab es diesen Weg nicht.

Luan (Chaos)

Der endgültige Reality-check erfolgte bei Ihrem Korrespondenten1986, als er begann, in China zu leben und zu arbeiten. Trotz erfolgreicher Wirtschaftsreform kündeten sich inmitten einer überhitzten Wirtschaft und Hyperinflation bald Unruhen an. Chaos (Luan), so wie sich seit über zweitausend Jahren die Kaiser immer wieder konfrontiert sahen, weil sie um das «Mandat des Himmels», also die Macht, bangten? Bei den Studenten- und Arbeiterunruhen auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989 blickte Deng Xiaoping zurück, aber nicht Jahrhunderte, sondern nur etwas mehr als zwei Jahrzehnte. Er sah Rote Garden, er sah Chaos wie damals auf Tiananmen 1966 und liess die Volksbefreiungsarmee einmarschieren. Hat Deng damals falsch geurteilt? Jedenfalls war es eine Tragödie. Im Gegensatz zur Kulturrevolution aber bleibt Tiananmen 89 bis heute als «Konterrevolutionärer Aufstand» absolut tabu. China, das Japan zu Recht historische Lektionen erteilt, kommt nicht darum herum, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Früher oder später.

Kann sich Geschichte wiederholen? Chinas ehemaliger Premierminister Wen Jiabao jedenfalls meinte kurz vor dem Ende seiner zehnjährigen Amtszeit 2012: «Ohne erfolgreiche politische Reform könnte sich eine solch historische Tragödie wie die Kulturrevolution wiederholen».


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