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Kolumne


Rechnungsadresse: Vatikan

von Patrik Etschmayer / Montag, 15. März 2010

Es sei eine Kampagne – ein regelrechter Feldzug – gegen den Papst, der da angezettelt werde, heisst es aus dem Vatikan. Ein Versuch, den «heiligen Vater» schlecht zu machen. Es geht dabei natürlich, wie fast immer, wenn während der letzten sechs Monate von der katholischen Kirche die Rede war, um Kindsmisshandlung durch Priester und Mönche. Und wenn man alles liest, was in Deutschland, Österreich, Irland, den USA und in vielen anderen Ländern durch katholische Geistliche für Grausamkeiten an Kindern und Jugendlichen begangen wurden, kann es einem schlecht werden. Der Katalog der Taten ist ein Kompendium des Horrors: Gewalt, sexuelle Übergriffe, seelische Grausamkeiten, verübt von «Gottesmännern» an jungen Menschen, deren Leben von diesen gewissenlosen Pfaffen auf dem Altar ihrer Geilheit und ihres Sadismus geopfert wurde.

Diese Geistlichen handelten mit der Rückendeckung ihrer Vorgesetzten, die sich damit genauso schuldig wie die Misshandler machten, wenn sie die Täter nach deren Enthüllung einfach versetzten und so weitere Opfer bereitwillig in Kauf nahmen.

Eine solche Versetzung passierte scheinbar auch, als der Papst noch Bischof in München gewesen ist, in seinem Bistum. Natürlich hat sich sofort ein anderer Geistlicher vor Ratzinger in die Bresche geworfen und alle Schuld auf sich genommen – doch die Verantwortung in der streng hierarchischen katholischen Kirche ist klar und liegt im Zweifelsfall oben.

Die immer schrilleren Töne aus Rom, sind jedoch nicht nur der Versuch, den Papst aus der Schusslinie zu nehmen. Die katholische Kirche hat nämlich ein Problem von einer Dimension, das sogar diesem Marktleader der Spiritualität Angst einjagen muss – eine wirklich neue Entwicklung, die es so noch nie gegeben hat.

Die katholische Kirche ist eine zweitausend Jahre alte Organisation. Sie überdauerte Ausrottungsversuche und Schismen, Reformationen und Revolutionen, Kriege und Seuchen, ja sogar die Aufklärung (die ihr eigentlich den Garaus hätte machen müssen). Das Selbstverständnis und gigantische Selbstbewusstsein dieser Organisation nährt sich aus dieser Erfolgsgeschichte. Es geht so weit, dass sie den Anspruch erhebt, dass der Papst, was Glaubensfragen angeht, unfehlbar sei.

Wäre die katholische Kirche eine Person, sie wäre ein uralter, mysogynistischer Milliardär mit Allmachtsphantasien. Die Gewissheit, dass die Kirche alles überstehen kann und bis zum jüngsten Gericht überdauern wird, ist so fest in ihrer mentalen DNA verankert, wie die Ansicht, dass die Leiden der Kirchenopfer eigentlich vernachlässigbar sind, angesichts der eigenen Wichtigkeit.

Kommt dazu, dass die katholische Kirche das irdische Leben traditionell als Jammertal betrachtet. Wenn da die eigenen Priester noch ein oder zwei Scherfchen Leid auf den ohnehin grossen Haufen schaufeln, ist das ja auch nur Gottes Werk. Was macht da schon ein Leben in psychischer Agonie? Spätestens nach dem Ableben kommt ja die Abrechnung... Und wenn nicht?

Diese Frage zu stellen – gar an die katholische Kirche – war Jahrhunderte lang Sakrileg. Man hatte der Kirche keine ernsthafte Frage zu stellen, die ihr Dasein in Frage stellte. Wer dies wagte, riskierte sein Leben, Folter und einen grausigen Tod auf dem Scheiterhaufen, später zumindest die Exkommunizierung. Viele Gläubige lebten und leben in dieser geistigen Zwangsjacke.

Ein solche mentale Fesselung, während über tausend Jahren etabliert, bleibt meist noch lange im kollektiven Bewusstsein bestehen, auch wenn sie faktisch gebrochen ist. Doch irgendwann werden die Fesseln morsch, können sie nicht mehr erneuert werden. Dies scheint jetzt der Fall zu sein. Die Opfer der Kirche wachen aus ihrem Albtraum auf, melden sich und klagen an. Und jede neue Anklage weckt weitere Opfer aus ihrem Todesschlaf. Der Bann ist gebrochen. Dies ist tatsächlich die grösste Bedrohung, der die Kirche je gegenüber gestanden ist und an der sie zerbrechen könnte.

Und der Keller voller Leichen ist noch lange nicht ausgeräumt – jeden Tag kommen neue Fälle ans Licht, trauen sich mehr Leute, von ihrem schrecklichen Schicksal zu berichten. Kein Wunder bricht in Rom die Panik aus. Denn nun wird die Rechnung ausgestellt für Jahrhunderte der selbstverliebten Arroganz, der egoistischen Grausamkeit, der Verachtung für die Würde des Menschen, die von der Kirche vordergründig verteidigt wird. Die Rechnungsadresse lautet: Vatikan, Rom. Und die Welt wird ganz genau schauen, wie und ob sie dereinst beglichen wird.




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